Freitag, 16. Dezember 2011

Grundschulen: Reorganisation und Umdenken sind angesagt!



Es mehren sich die Stimmen, welche die heutige Rolle der Lehrkraft, der Schule als Ganzes, in Frage stellen. Immer wieder haben Gerichte zu entscheiden, ob Eltern das Recht zugestanden wird, ihre Kinder selbst zu schulen. Noch sind es meistens religiöse Gründe, welche hier angeführt werden, doch kommen immer mehr Begehren dazu, welche die allgemeine Schulpflicht in Frage stellen.

Als Alternative spricht man dann von Bildungsgutscheinen. Kinder sollen vom Staate eine Art Check- oder Bon-Heft erhalten und Eltern können entscheiden, wo und wann diese Bons eingelöst, das Kind ausgebildet werden soll. Damit würde wohl neben der öffentlichen Schule eine private Parallelstruktur aufgebaut, eine Art Konkurrenzsituation wäre die Folge. Ja, bei Jahreskosten von rund 10 000 €/Kind in der Grundschule wittern natürlich viele ein gutes Geschäft.

Ich bin entschieden gegen diese Pläne, denn sie führen zu einer weiteren Aufsplitterung und letztlich einem Bildungssystem, in welchem dann gegen Aufpreis „noch bessere Bildung“ versprochen wird, in Tat und Wahrheit eine soziale Selektion betrieben wird. Ich meine, die öffentlich-rechtliche Schule und somit der Staat haben die Pflicht, die Möglichkeit und das Potential, hochwertige Bildung zu vermitteln und zwar für alle. Daran sollte nicht gerüttelt werden. Denn das Recht auf bestmögliche Ausbildung ist ein Grundrecht.

Das heisst nun jedoch nicht, dass die öffentliche Schule unantastbar ist und behäbig in ihren Strukturen verharren kann. Nein, ganz im Gegenteil: An Stelle von dauerndem Ausbessern mit dem Farbpinsel ist eine konsequente, zeitgemässe Neuorganisation der Grundschule erforderlich.

Abschliessend möchte ich drei Felder aufzählen,
welche mir zentral erscheinen und einem dauernden Wandel unterworfen sind. So lange diese Bereiche nicht realisiert sind, werden die meisten gut gemeinten Reformen erfolglos verpuffen, da die heutige Schule diesen Anforderungen gar nicht gerecht werden kann.

Lehrerausbildung: Kompetente Teamplayer sind gefragt

Es wird immer deutlicher, dass neben einer guten Fachausbildung, Führung, Konfliktmanagement, Flexibilität, Organisation,  Offenheit für Neues und dauernde wirkliche Veränderung, Teamwork im Klassenzimmer und im Schulhaus DIE Schlüsselfunktionen der Lehrkräfte von morgen sein werden. Ebenfalls gefragt sind eine Streitkultur und Konfliktähigkeit nach allen Seiten. Wenn wir wieder von den Grundstufen der Volksschule ausgehen, kann die Ausbildung also nicht breit genug sein und: Teamfähigkeit, Teamwork, aber auch Konfliktfähigkeit  sind Schlüsselkriterien. Hier ist zu fragen, wo und wie die heutige  Lehrerausbildung genau diesen Punkten gerecht wird.

Die optimale Zusammensetzung des Klassenlehrerteams ergibt  eine Ballung von Kompetenz im Klassenzimmer, welche jederzeit verfügbar, abrufbar  und nicht an irgendwelche festgesetzte Wochenstunden oder Projektwochen konditioniert ist. Klassenlehrerteams, welche dieses Potential ohne falsche Eitelkeit voreinander und im gemeinsamen Interesse um ein spannendes, erfolgreiches Schuljahr  nutzen, werden eine tolle Erfahrung machen: Der Druck „ich muss, aber ich komme nicht dorthin, wo ich eigentlich sollte/möchte“, fällt weg. Das „ICH“ zählt nicht mehr, das „Wir“, damit meine ich Team UND Klasse,  stehen im Zentrum und die einzelne Lehrkraft ist ein Rad von mehreren, ein fundamentaler Wechsel im Berufsbild.

Lehrplan:
Hier haben bereits verschiedene Neuerungen stattgefunden. Vielfach werden inzwischen weniger Inhalte, stattdessen  Fähigkeiten umschrieben. „Kann einen Text fliessend lesen und ist in der Lage, das Gelesene in wenigen Sätzen schriftlich zusammenzufassen.“

Ja, um derartige Fähigkeiten geht es. Und jetzt machen wir uns einmal nichts vor:  Von der  Grundschule wird erwartet, dass Schüler in die nächsthöheren Stufen übertreten, welche des Lesens, Schreibens, Rechnens in den Grundoperationen und Brüchen und einfachen Textaufgaben, geometrischer Grundkenntnisse mächtig sind.  Dazu kommen inzwischen noch rudimentäre Kenntnisse in einer Fremdsprache, was aber von den Lehrkräften der übergeordneten Schulstufen  eher als Last, denn als Fortschritt gesehen wird.

Immer deutlicher jedoch wird, dass eine Kernkompetenz übergeordnet verfolgt werden muss: Lesen, Verstehen, Umsetzen und im Anschluss daran schreiben. Die Pisa-Studie 2009 lässt keinen andern Schluss zu, denn 20% Schulabgänger des 9. Schuljahres beherrschen Lesen und Schreiben ungenügend. Hier ein Beitrag, in welchem diese Tatsache debattiert wird 

Ein schlimmes Szenario, um welches sich die Haushaltsprüfer kümmern sollten und zwar, indem sie die Frage beantworten, was diese Schulabgänger den Staat während der nachfolgenden 60 Jahre in etwa kosten werden. (Nachschulung, Arbeitslosigkeit, Sozialhilfen und Rentenbezuschussung). Angesichts dieser Summen kann Schule niemals zu teuer sein, im Gegenteil: Mehrausgaben für die Förderung dieser Kernkompetenz entlasten den Staatshaushalt langfristig. Dies scheint auch die EU erkannt zu haben, denn dieselben Zahlen finden sich Europa weit.

Viele andere Lehrziele: Sozialkompetenz, Eigenverantwortung, Toleranz, Heimatkunde (was heisst das für ein Kind serbischer oder türkischer Herkunft?), Geographie usw. usw. sind Selbstdarstellung der Schule. Messen Sie mal Sozialkompetenz in einer Klasse und beurteilen Sie, ob und dank welchem Fache das eine Kind sozial kompetent und das andere unkompetent erscheint. Viel Vergnügen! 

Je kindgerechter und aktueller angesetzte Lernprojekte sind, um so höher die Aufmerksamkeit und Motivation der Kinder und um so grösser wird die Chance, dass genau diese Kompetenzen gefördert werden.  Das ist eine Grundvoraussetzung, dass die Klasse überhaupt funktioniert und wenn dies nicht erfolgt, dann ist dies ein Versagen des Klassenlehrerteams.

Tagesstruktur ist ein Beitrag zur Chancengleichheit

Schule, will sie erfolgreich sein, muss auch Strukturen anbieten, in denen Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft dieselben Chancen haben. Dabei ist das Thema lernen und "wie lernen?" klar als Zuständigkeit der Schule zu definieren. Es gilt also, ein Zeitfenster zu schaffen, in welchem Schule, in diesem Sinne verstanden, stattfindet. Unter Einbezug der Tagesstruktur müsste dieses wohl Montag bis Freitag 06:30 - 19:00 abdecken. Für die Grundstufe ist dies ein Muss, will man nicht riskieren, dass dauernd Kinder wegen verschiedenster sozialer Schwierigkeiten durch die Klasse durchrutschen, weil sie mit dem Alltag überfordert sind.

Bevor jetzt protestiert wird, möchte ich zu bedenken geben, dass diese Struktur bereits heute besteht, allerdings dezentral und in nicht ausreichendem Ausmasse. Die Nachfrage übersteigt das Angebot und hier beginnt dann das Thema "unterschiedliche Rahmenbedingungen".  Es ginge nun darum, diese verschiedenen Dienste in die künftige Schulplanung räumlich und personell zu integrieren.

Damit wäre die Betreuung im weitesten Sinne während der Woche gewährleistet. Der rein schulische Teil kann zwischen 08:00 - 16:30 abgewickelt werden. Dazu gehört auch das Erledigen der Hausaufgaben. Ziel: Mit dem Verlassen der Schule beginnt wirkliche Freizeit und der alte Zopf, wonach ein 11-jähriges Kind pro Tag durchaus mit 1 1/2 Stunden Hausaufgaben gefüttert werden soll, ist abgeschnitten. Das macht keinen Sinn mehr. Oder arbeiten Sie in einem normalen Beruf abends nach Betriebsschluss noch für Ihren Chef?

Wer nun mit dem Hobby- und Freizeit-Terminplan der Kinder anmarschiert und protestiert, dem sei Folgendes gesagt: Alleine die Tatsache, dass Kinder in der Zeit von 16:30 bis 19 Uhr verschiedensten organisierten Freizeitaktivitäten nachgehen und dann irgendwann nach 20 Uhr noch Hausaufgaben erledigen sollten, ist ein Unding und eine sehr fragwürdige Belastung für Schule und Elternhaus. Damit erfährt Schule nämlich den Stellenwert eines Negativums, welches den Tag von morgens früh bis abends spät allgegenwärtig dominiert. Was für Berufsleute gilt (irgendwann ist Schluss und dann ist Privates angesagt), sollten  auch Kinder in Anspruch nehmen dürfen..


Grundschule wird attraktiver, für alle !

Diese drei Eckpunkte zu realisieren, erscheint mir unabdingbar. Die Grundstufe oder Volksschule erscheint damit in einem völlig anderen Licht und zwar für alle Beteiligten. 

Da denke ich vor allem an die Lehrkräfte, da sich ihr Job grundlegend verändert und an Attraktivität  gewinnen wird. 

Gleichzeitig wird Schule für Eltern als feste, planbare Grösse wahr genommen und sie können ihren Alltag und die Freizeitgestaltung der Familie  langfristig und konstant organisieren. 

Die Kinder selbst werden sich in diesem Rahmen am Schnellsten zurechtfinden, denn sie sind eigentlich von Grund auf neugierig und offen für alles, sofern das Angebot stimmt.



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