Donnerstag, 12. Juli 2012

EU Wirtschaft: Die Domino-Steine fallen wie vorhergesagt

Es ist schon erstaunlich, auch für mich, wie präzise sich die Situation, mit welcher wir heute konfrontiert sind, seit mehr als einem halben Jahr voraussagen liess. Offensichtlich ist die harte Realität gegen alle noch so voluminös geplanten Schutzschirme und staatlichen Eingriffe resistent und bewegt sich nach festgeschriebenen eigenen Gesetzen. 

Spanien hat Hilfe des Rettungsschirmes beansprucht, Italien ist inzwischen so weit, dass der Regierungschef öffentlich über eine Inanspruchnahme nachdenkt. Ziel dieser Äusserung war es wohl, Zinsdruck für Neuauflagen von Staatsschulden abzubauen und damit zu einer besseren Haushaltssituation  beizutragen. Eingetreten ist jedoch etwas völlig Anderes: Der € als Solches verliert an Wert, die EU als Ganzes rückt immer mehr ins Visier der Spekulanten. Auch dieses Risiko habe ich in mehreren Beiträgen schon seit Monaten beschrieben.


Verdächtig ruhig ist es in Frankreich. Dies dürfte einen Grund haben. Angesichts der in Not geratenen Staatshaushalte in Spanien und Italien werden wohl zuerst mal die neu entstandenen Ausfallrisiken für französische Banken errechnet werden müssen. Sollte sich auch hier das Szenario "nur mit Hilfe des Rettungsschirmes" abzeichnen, dann dürfte es mit der Einheit der EU vorbei sein. 

Diese ganze Geschichte stösst mir seit Jahren sauer auf, denn es sind nicht zwingend politische, sondern klar wirtschaftliche Anachronismen, welche zu dieser Situation geführt haben:

1. Gewinnmaximierte Wirtschaft, welche Sozialverantwortung an den Staat delegiert

Die grossen Industriekonzerne in Europa bolzen Umsatz- und Gewinnrekorde. Dies geschieht durch tatsächliches Wachstum, aber auch in Form von Aufweichung der Sozialverträge und Arbeitsplatzaubbau. Die meisten Staaten haben eingewilligt, "zum Wohle der Wirtschaft" diese Soziallasten zu übernehmen, auf grosse Abfindungen zu verzichten, vor allem aber auch früher bezahlte Investitionshilfen nicht einzufordern... Wer erinnert sich noch an die Programme von Randregionen, wo Unternehmer mit Hilfen von bis zu 200 000 € pro errichteten Arbeitsplatz rechnen konnten - entweder in Form von Direktzahlungen, oder aber von Steuernachlässen. Diese Angebote wurden reichlich genutzt, um Jahre später mit der Drohung "entweder ihr schluckt die Pille, oder wir schliessen das Werk vollständig" die bestehenden Vereinbarungen zu  ändern oder aufzulösen.  

Folge: Alles was an Kolateralschäden (sprich Arbeitslose) anfiel, war nicht mehr Sache der Unternehmer, sondern hatte der Staat zu bewältigen. Die Sockelarbeitslosigkeit ist explodiert, entsprechend haben sich auch die Haushaltsbudgets verändert. Noch schlimmer ist nun jedoch die Arbeitslosigkeit der jungen Leute, welche offenbar auf dem Arbeitsmarkte nicht mehr gefragt oder nicht mehr benötigt werden.

Die Konzerne schreiben jedoch weiterhin Milliardengewinne, trachten, sich zu vergrössern, fusionieren, kaufen Konkurrenten auf. Die Firmenkassen scheinen gut gefüllt zu sein. Der Staat geht pleite, die Firmen klotzen weiter, auf Kosten des Staates. Das meine ich mit Anachronismus.

2. Grossbanken ausser Rand und Band
Völlig entartet ist das Geschäftsgebaren der Grossbanken. Würde es sich um eine rein private Firma handeln, so könnte man ja sagen:" Ok, zu grosses Risiko eingegangen, nun fehlt Geld, geht also pleite." Dem ist aber nicht so. Die meisten Grossbanken können bezüglich ihrer Anlagesicherheit auf Staatsgarantien verweisen. Sprich: "Deine Einlage ist selbst im Pleitefall gesichert und zwar durch den Staat."

Der Staat ist also Garant, auch wenn er neben Steuern von diesem Renditegeschäft gar nichts sieht. In den vergangenen Monaten musste man zur Kenntnis nehmen, dass neben vielen rein rechtlich fragwürdigen Geschäften aller Grossbanken bis hin zur aktiven Beihilfe im Entzug von Schwarzgeld vor dem Fiskus die volle Rendite-Palette, auch mit allergrössten Risiken durchgespielt wurde.

Jetzt aber, wo einzelnen Staaten die Luft auszugehen droht, kommen diese Institute selbst in immer grössere Bedrängnis. Kunststück!!! Bei einer Eigenkapitalquote von lächerlichen 4-6% (so war das noch vor Kurzem!) zehren natürlich spekulative Milliardenverluste schon an der Substanz. Das ist weiter nichts so schlimm, dahinter steht ja  mmer noch der Staat als Bürge, nicht wahr? Es ist  nachvollziehbar, dass die EU seit anfangs Jahr diese Geldinstitute in die Pflicht nimmt und eine Eigenkapitalquote von 9% vorschreibt, wobei dann immer noch unterschieden werden muss, was alles an Werten in diesem Eigenkapital enthalten ist. Wirkliches Barvermögen oder vermeintlich risikolose Papiere wie Staatsanleihen? Verschiedene Banken konnten diese neuen Auflagen nur mit Staatshilfen erfüllen.

Genau diese Staaten werden jetzt zunehmend nervös, denn sie erkennen, dass da im Falle einer weiteren Krise ein nicht zu bewältigender Brocken auf sie zukommen wird. Ganz besonders betroffen könnte die Schweiz sein, welche mit UBS und CS gleich zwei solcher Mammuts zu betreuen hätte und Riesensummen für deren Sanierung aufbringen müsste. Die Schweiz selbst ginge pleite.

Wann ist endlich Schluss mit dieser Raubrittermentalität ?
Wenn ein Mittelständler oder eine Privatperson sich von einer Bank Geld ausleihen will, müssen Dokumente und Garantien vorliegen, welche zweifelsfrei belegen, dass mindestens 20% der zu tätigenden Investition aus Eigenmitteln getätigt werden können und für die zu bedienenden Bankschulden ein ausreichendes sicheres Einkommen vorhanden ist. Ist eine der beiden Bedingungen nicht erfüllt, dann kann man den Kredit vergessen. Weshalb gelten dieselben Konditionen nicht für die Banken selbst? Da werden mit so genannter Eigenkapitalquote und Anlagegeldern Phantasierenditen gebolzt, Milliardengewinne geschrieben, welche dem eigentlichen Anleger und damit dem Wirtschaftskreislauf entzogen sind, da mit diesen Geldern intern weiter jongliert wird.

Geht dann die Puste aus, wird schon jemand kommen, der die notwendige Infusion steckt und den Patienten wieder zum Leben erweckt."Too big to fail", steht auf dem Rezeptblock. Damit lassen sich all die Geschäfte machen, welche Andere durch genau diese Banken niemals bewilligt kriegen... Mit dieser Mixtur kann man auf "gelingen" oder "misslingen" spekulieren und Geld verdienen, viel Geld verdienen.... Selbst Banken pokern da mit.

Gross, aber pleite, wäre die nächste angesagte Rezeptur. Schmerzlich zwar, aber zeitlich absehbar. Es scheint, als wären die über zwei Billionen €, welche in den letzten zwei Jahren in marode europäische  Staaten und vor allem Banken gepumpt wurden, mit dem neuen Rezept in Form von Wiederaufbau besser angelegt....




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