Samstag, 25. August 2012

Türkei Artenschutz: Das Desaster von Kayseri

Ich möchte heute über eine Katastrophe berichten, welche eigentlich sämtliche Tierschutz-Organisationen, aber auch die europäischen Geldgeber dieser Projekte hellhörig machen sollte:

Eine der grössten Vogelzugrouten führt über das türkische Inland. Je nach Tierart braucht es entsprechende Rastplätze und etwas vom Wichtigsten sind dabei die Feucht-Sumpfgebiete, Sie bieten einer grossen Zahl von Tieren Rast, Erholung und Futter.  Eines der bedeutendsten Feuchtgebiete liegt in der Nähe von Kayseri und heisst Sultan Sazlığı. Dieses Feuchtgebiet besteht eigentlich aus drei Seen mit angrenzenden Sümpfen und rund 22 000 Hektar Fläche. Die nationale Parkverwaltung führt dieses Gebiet als Naturschutzzone in ihrem Inventar.. Hier hat sich im Laufe der letzten Jahre eine Umweltkatastrophe ereignet, deren Auswirkungen weit über die Türkei hinaus reichen werden. Im folgenden Video die ersten und die letzten zwei Minuten betrachten, dann wird klar, worum es geht:



Diese, im Jahre 2011 gedrehten letzten 2 Minuten des Filmes zeigen an Stelle eines Feuchtgebietes eine ausgetrocknete Ebene.
Extensive Landwirtschaft, masslose Förderung von Grundwasser, vor allem jedoch mehrere Staudammprojekte der DSI (staatliches Amt für Wasserwirtschaft), haben dieses enorm wichtige Feuchtgebiet austrocknen lassen. Seit Jahren steht diese Politik bei Umweltschutzverbänden unter Dauerbeschuss. Die zu jedem Projekt vorgelegten Umweltverträglichkeitsprüfungen und festgesetzten Restwassermengen werden als unzureichend, den Gegebenheiten nicht Rechnung tragend, bemängelt. Diese Kritik ist mehr als berechtigt, wie sich inzwischen an vielen vergleichbaren Beispielen belegen lässt.

Stauseen füllen, natürliche Gewässer und Seen austrocknen
Zwei Umweltspezialisten sind dieses Jahr mit dem Fahrrad quer durch die Türkei geradelt, haben die so genannten natürlichen und eigentlich geschützten Feuchtgebiete und Seen unter die Lupe genommen und kommen zu einem ernüchternden Schluss: "Die Devise des Wald- und Wasserministeriums 'Tausend Staubecken in tausend Tagen' geht voll auf Kosten der natürlichen Feuchtgebiete, Flusstäler und Seen. Während diese austrocknen hortet man andernorts Wasser." Die Umweltplanerin Handan Elpit und der Waldingenieur Fatih Taskeran haben auf ihrer Reise geplante Projekte mit der Realität abgeglichen und kommen zu niederschmetternden Ergebnissen: 

Alleine in der Region Burdur bestehen von Seiten des Staates rund 20 kleinere und grössere Stauprojekte. Sie werden zur Folge haben, dass der See von Burdur, bereits jetzt saisonal schwankend, völlig austrocknen wird. Wieder steht ein wichtiges Etappenziel von Zugvögeln vor dem Untergang. Das Fazit der beiden Radler: Das Ministerium zerstört derzeit die Naturschätze Anatoliens.  Quelle des Beitrages


Aus dem Vogelparadies wurde eine Kuhweide
Dies der Titel eines Beitrages von Yusuf Yavuz, einem der engagiertesten türkischen Umweltjournalisten zum Thema Sultan Sazlığı . Den dazu mitgelieferten Bildern ist nichts mehr anzufügen:


 Das Schlafen der internationalen Umweltverbände und politischen Gremien

Während der vergangenen 5 Jahre wurden in der Türkei Projekte angegangen, realisiert und wird auf eine Art und Weise weiter geplant, die in Sachen Umwelt- und Artenschutz nichts Gutes erahnen lässt und das ist noch vornehm ausgedrückt.

Seit mindestens 2 Jahren weisen kleine türkische Umweltverbände und -gruppen darauf hin, dass sämtliche Artenschutzverträge sträflich missachtet werden, dass die geplante Staudammpolitik des Staates ökologisch fatale Folgen haben wird, beispielsweise eine zunehmende Versalzung der fruchtbaren Ebenen, weil der Grundwasserspiegel immer weiter absinkt etc. etc. Genau diese Problematik zeichnet sich derzeit im GAP-Projekt, dem grössten Staudammvorhaben der Türkei ab. Nachdem ein gigantischer Kanal vom Staudamm in ehemals unfruchtbare Ebenen gegraben und getunnelt wurde, stellt man fest, dass innerhalb weniger Jahre die Böden völlig versalzen und die Erträge nur einen Bruchteil der errechneten Volumen erreichen. 

All das wird sowohl von politischen Kommissionen, beispielsweise EU-Umweltfonds, welche munter weiter fliessen, aber auch den Gremien der grossen Artenschutzprotokolle, wo die Türkei Mitglied ist, offenbar nicht wahr genommen oder, das betrachte ich als wahrscheinlicher: Man steckt den Kopf in den Sand. 

Damit riskiert man, dass eine der faszinierndesten Gegenden Europas mittelfristig in eine bessere Wüste mutiert. Burdur, Bafa (Video  vom 26.6.2012, türkisch, aber die Bilder müssten ausreichen...)  seien als Beispiele genannt.  Dies mit Auswirkungen auf das gesamte biologische Gleichgewicht in der Natur, hin bis nach Europa. Das ist die Dimension, um welche es hier geht.


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