Samstag, 3. November 2012

Deutschland: Randgruppenexport, ein neues Geschäftsmodell?

Ich muss ehrlich sagen, ich glaubte, mich verhört, verlesen zu haben: Auf Grund gestiegener Kosten im Pflegewesen denkt ein Superhirn laut darüber nach, ob es nicht vorteilhafter wäre, pflegebedürftige Senioren in entsprechenden Einrichtungen im Ostblock oder in Thailand unterzubringen. Vorteilhafter für WEN wurde wohl wissend nicht genauer definiert. Ein Argument wurde noch nachgereicht: Anstatt preisgünstiges Personal aus Thailand in die Pflegeheime nach Deutschland einzuführen, könnte durchaus der umgekehrte Weg beschritten werden. Unterbringung von Pflegebedürftigen Alten in speziellen Heimen in Thailand. 

Auf so einen Gedanken muss man erst mal kommen, denn er bedeutet
die Überschreitung mehrerer Grenzen,  welche ausgesprochen heikel und gerade in Deutschland sensibel sind. Ich möchte darauf nicht weiter eingehen, denn im folgenden Kommentar aus der Süddeutschen ist meiner Überzeugung nach bereits alles gesagt.

Wann ist etwas zu teuer?
Es ist diese Frage, welcher ich nachgehen möchte. Auf den ersten Blick kann man dies ganz einfach beantworten: Es ist dann zu teuer, wenn die entsprechende Leistung oder Dienstleistung nicht mehr vom Nutzniesser derselben bezahlt werden kann. Bestimmte Risiken wie Gesundheit oder stationäre Pflege konnte/kann man über Versicherungen abfedern. Daneben ist es aber zweifellos auch der Staat, welcher hier eine zentrale Aufgabe zu erfüllen hat. Genau so wie beim Thema Bildung ist auch das Thema Altersbetreuung ein zentraler Bestandteil unseres Sozial-Staates.

Heimpflege ist nun zu teuer geworden, heisst es. Die Lohnkosten sind zu hoch, das notwendige Personal findet sich nicht. Nicht dass dieses Personal fehlen würde, nein, nein, es wurde ausgebildet, hat sich aber auf Grund unvorteilhafter Arbeits- und Lohnbedingungen nach einem andern Arbeitsort umgesehen. So findet sich heute in der Schweiz ein hoher Anteil an Deutschen, welche im Pflege- und Spitalbereich arbeiten. Zu besseren Arbeitszeitbedingen, mit weniger Patienten pro Kopf und erst noch deutlich höherem Lohn. Folglich muss also Heimpflege in der Schweiz deutlich teurer sein als in Deutschland. Trotzdem spricht da niemand vom Export Pflegebedürftiger in Drittländer.

Ich kenne Beispiele, in welchen Pflegebedürftige der Stufe 9 in der Schweiz mit 14 000 Franken (11 000 € monatlich) abgerechnet werden. Menschen, welche mit Magensonde ernährt werden, nicht mehr selbst gehen können und rund 18 Stunden im Tag liegen, dreimal bis viermal am Tag die Windeln gewechselt kriegen usw, ansonsten niemandem zur Last fallen. Ja, das ist teuer, zu teuer, denn diese Kosten stehen in keinem Verhältnis im Vergleich zum  Betreuungsaufwand für eine hyperaktive, aber demente Person im fortgeschrittenen Stadium. Bevor also von "zu teuer" gesprochen wird, sollten erst mal die derzeit geltenden Tarife auf den Prüfstand, denn mit Pflegepatienten wird gutes Geld verdient, dank Versicherungen, welche da Kostengutsprache leisten (müssen). 


Hier 3,4 Mia Zuschuss, dort Billionen bewilligt
Völlig losgelöst von dieser Thematik muss an dieser Stelle die Frage erlaubt sein, ab wann beispielsweise eine Rettung Griechenlands, des € oder der EU schlechthin als "zu teuer" definiert werden kann. In diesem Falle handelt es sich um Pakete in Höhe von Billionen von €, im Falle der Heimpflege spricht man in Deutschland von 3,4 Milliarden €, welche der Staat derzeit zuschiesst,  Tendenz zunehmend. Was im einen Falle locker ausgeschüttet, garantiert wird, soll im Bereiche Heimpflege nicht möglich sein, müssen Alternativen gesucht werden? Das ist nicht kommunizierbar, denn die Billionen sind ja ebenfalls Geld, für welches letztlich die Steuerzahler aufkommen müssen. 

Lösung Heim muss überdacht werden
Längst propagieren Fachleute Lösungskonzepte, welche den Bedürfnissen von auf Betreuung  angewiesenen Senioren viel besser entsprächen, womit sich die Zahl der Heimplätze drastisch reduzieren würde. An ihre Stelle treten durchmischte Wohnformen, lose Betreuung, teilweise Betreuung in der Familie, sofern dies auch  vom Staate belohnt wird usw. Hier eine ganze Reihe von Alternativen. Klar, deren Umsetzung braucht Zeit, braucht neue politische Entscheide.. 

Kaufkraft der Senioren wird drastisch sinken-mit Folgen für die Pflegebedürftigen
Das ganze Problematik Alters- und Pflegebetreuung wird erst langsam sichtbar, machen wir uns da nichts vor. Viele Rentner, welche heute in solchen Institutionen sind, können noch auf eine vergleichsweise gute Rente zurückgreifen. Was aber passiert mit den Menschen, welche sich auf Grund ihrer heutigen Löhne bereits  ausrechnen können, dass sie nach geltendem Berechnungssystem in 10 Jahren mit höchstens 750 €  rechnen können? 

Für sie wird auch Thailand zu teuer sein....

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