Samstag, 24. November 2012

Türkei: Ahmet Altan, Kritik auf hohem Niveau

Die derzeitige Lage in der Türkei präsentiert sich, je nach persönlichem Standpunkt, sehr unterschiedlich. Da ich ja deutsch schreibe, möchte ich zu allererst die deutsch sprachigen Residenten erwähnen. Für sie ist das Land eine ursprünglich mal preiswerte Alternative, den dritten Lebensabschnitt in einem angenehmeren Klima zu verbringen, auch wenn sich die Stimmen mehren, auch die Türkei sei teurer geworden.

Da sind die Normalbürger wie Mehmet und Ahmet, welche sich Tag für Tag bemühen, mit einem bescheidenen Einkommen ihre Familien über die Runden zu bringen, ihren Kindern dank einer guten Ausbildung eine gesicherte Zukunft vorzubereiten.

Daneben finden sich die Menschen,
welche Tag für Tag politisch auf der einen oder anderen Seite engagiert sind, von dieser Zugehörigkeit zu profitieren hoffen, oder aber um ihre Pfründe fürchten.  Dabei ist es nicht immer einfach zu erkennen, was sie aus persönlicher Überzeugung in die Wege leiten oder inwiefern sie einfach einer Ideologie nachbeten.

Über allem stehen die grossen Unternehmer, Unternehmerfamilien der Türkei, welche bisher immer einen Weg gefunden haben, sich mit der gerade herrschenden Partei zu arrangieren. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen und da hackt keine Krähe der anderen ein Auge aus.

Öffentlich Kritik an Tagespolitik oder gar dem gesamten System zu äussern ist heikel, kann lokal, regional oder eben wirtschaftlich mit existenziellen Folgen behaftet sein, auch dies eine ungeschriebene Regel. Allenfalls sind es noch Journalisten, welche diese Aufgabe als persönliche Verpflichtung anschauen, doch sind es im Laufe der letzten zwei Jahre immer weniger Persönlichkeiten, welche sich mit dem Weshalb  und Wohin der Türkei befassen. Eine Reihe von Prozessen haben die Journalisten generell vorsichtiger werden lassen.

Ahmet Altan, der Kritiker mit den blumigen Beispielen
Einer, der über Jahre sich selbst treu geblieben ist, heisst Ahmet Altan, Herausgeber der Zeitung Taraf. Täglich schreibt er einen Hauptkommentar, der dann dutzendfach in anderen Zeitungen in voller Länge nachzulesen ist. Wer türkisch versteht, tut gut daran, sich auch mal diese Meinung anzuhören.

Heute liefert er wieder ein Beispiel für die Kunst des Schreibens, direkte Kritik zu üben, aber eben so, dass er weiterhin unantastbar bleibt, weil er keine Personen direkt denunziert oder frontal angreift. Die Übersetzung ist nicht professionell, aber inhaltlich sollte sie hinkommen:

Statuen, Moscheen und Palaver

Altan vergleicht die Türkei mit einem Schiff, dessen Kapitän plötzlich den Kurs wechselt. Viele Passagiere bemerken das, machen ihn darauf aufmerksam: "Käpt'n, wir bewegen uns abseits der Route, kommen in dunkle Gewässer, laufen Gefahr an der Küste zu zerschellen."

Angesichts der immer lauter werdenden Rufe geht der Käpten ins Schiffsinnere, ruft die Leute und erklärt:"Schaut wie gut der Motor läuft, wie weich die Betten in den Kabinen sind, wie lecker das Essen ist, wie sauber das Wasser im Pool ist"..  und beruhigt seine Kritiker.

Altan erklärt mit welchem Wind dieses Schiff losgesegelt ist, mit dem kräftigen Westwind der EU. Ein Käpten, der als Vorbild und mit dem Vertrauen der USA und der EU ausgestattet, sich auch in diesen (politischen) Gewässern bewegte. Gleichzeitig war das auch der Weg und das Ziel, den er seinen Passagieren erklärt hatte.

Ohne Info an die Passagiere wurde dieser Kurs jedoch verlassen, wurde das Schiff vom Käpten selbst entführt und diejenigen, die das bemängeln werden zurechtgewiesen. Es ist aber die Aufgabe der Passagiere, immer lauter den Kapitän zur Ordnung zu rufen. Die Türkei ist von ihrer Route abgekommen.

Vielleicht merken es noch nicht alle im Schiff, aber Aussenstehende haben diesen Kurswechsel sehr wohl registriert: Von der EU kam kein Fortschrits- sondern ein Rückschrittsbericht. Die USA haben beschlossen, mit diesem Partner keinesfalls kriegerische Handlungen zu unterstützen, gemeinsam zu planen.

Waren es frühere Parteien, welche Atatürk-Denkmäler an jeder Ecke aufgestellt haben und Kritiker mit dem Argument "waaas, du bist gegen Atatürk?" mundtot gemacht haben, so ist es heute die AKP, welche angesichts der Flut an Moscheen Kritiker mit "waaas, du bist gegen die Religion?" niederkontert. Zeichen der Macht, denen Respekt gezollt werden muss. Bei beiden ist die Botschaft dieselbe. : Wir sind die Sieger, wir können machen, was wir wollen."

Es lohnt sich deswegen, wieder einmal an Oberdeck zu gehen, zu kontrollieren, wohin das Schiff eigentlich fährt. Fährt es zu dem Ziel, welches uns der Kapitän versprochen hat?

Der Kommentar in voller Länge

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