Donnerstag, 12. Juni 2014

Demografie - Fachkräftemangel. Wirklich?

Bildquelle wikipedia
Ein Begriff, der recht gedankenlos verwendet wird und in den Lösungsansätzen zu genau so gedankenlosen Schlüssen führt. Die Konsequenzen sind weit reichender, als man denkt:

Ausbildung:
Eigentlich werden viele Fachkräfte ausgebildet, wobei möglicherweise die wirklichen Top-Leute tatsächlich Mangelware sind. Betrachtet man jedoch die „klassischen“ Mangelberufe im Pflege- Bildungsbereich, aber auch im handwerklichen Sektor, so kann man kaum sagen, es bestünde Mangel an Ausbildungswilligen.

Arbeitskonditionen:
Darüber muss intensiv diskutiert werden. Es besteht ein West-Ost-Gefälle innerhalb Deutschlands, was den Verdienst betrifft. Folglich ist es niemandem zu verdenken, dass er einen um über 1000 € besser bezahlten Job in einem Oberzentrum oder in den alten Bundesländern vorzieht und so seine Region, in welcher er /sie ausgebildet wurde, verlässt.
Auch die alten Bundesländer bilden ja genügend Fachkräfte aus, können sie jedoch nicht halten, da nebenan die Schweiz und andere europäische Länder mit bis zu doppelt so höhen Löhnen locken. So wanderten alleine im Jahre 2012 20 126 Personen aus Deutschland in die Schweiz ein. Ist uns bewusst, dass wir da Fachkräfte verlieren? Nur mit erhöhten Lebenshaltungskosten ist dieser Lohnunterschied nicht mehr zu begründen.
Festzustellen ist dieser Aderlass ganz besonders in den Pflege- und Lehrberufen, aber auch in vielen mittelständischen Betrieben und im Dienstleistungsbereich. Der Grund? Im europäischen Vergleich entwickelt sich Deutschland zum Niedriglohn-Land.
Der Fachkräftemangel hat also seine Ursache in erster Linie darin, dass hier ausgebildete Fachkräfte nicht gehalten werden können und dadurch eine Unterversorgung entsteht.

Lösung durch Zuwanderung?
Diese Lücken werden gestopft, indem immer lauter über den Begriff „notwendige Zuwanderung“ fabuliert wird. Ohne den Zuzug von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland könne diese Unterversorgung nicht behoben werden.
Diese Argumentation ist scheinheilig, denn sie ist ausschliesslich Lohnkosten orientiert. Man will nicht die Löhne bezahlen, welche eigentlich ein wirkliches Auskommen vor Ort ermöglichen würden. Stattdessen will man Fachkräfte aus anderen Regionen (aber preiswert bitte!!!), um auf dem derzeitigen tiefen Lohnniveau weiter arbeiten zu können. Angedacht werden Versuche mit Pflegerinnen aus Asien (Pilotversuch), bereits praktiziert in Form von Sub-Verträgen im Baubereich, zeitlich begrenzte Freelancer-Verträge für klar umrissene Projekte, Auslagern von Altenpflege in Billiglohnländer usw.

Den Letzten beissen die Hunde
Wir haben also das Problem, dass nicht mehr das regionale Angebots- und Nachfrage-System spielt, sondern dass man im Begriffe ist, global Fachkräfte in einer „von unten nach oben-Kette“ zu rekrutieren. Ein entscheidender Faktor ist dabei das regionale Preisgefüge der verschiedenen Rekrutierungs-Länder. So werden die nationalen Wirtschaften immer mehr gestützt mit Fachkräften aus dem nächst tieferen Lebens-/Lohnkosten-Land. Schweiz-DeutschlandWest-DeutschlandOst; Polen-Bulgarien-Türkei-Fernost-Afrika.

Dabei übersieht man (gewollt?), dass viele Länder mit scheinbar tiefem Lebenshaltungskosten-Index eigentlich im Aufbruch begriffen sind, so genannte Schwellenländer. Sie sind ja bereits in der Lage, auf dem Ausbildungsweg entsprechend qualifiziertes Personal zu „produzieren“.

Indem nun aber immer mehr Fachleute in die Industrieländer abgeworben werden, entsteht in den Ursprungsländern ein Vakuum an Fachkräften, wird die weitere Entwicklung gebremst. Schwellenland bleibt Schwellenland und ist weiterhin auf joint ventures angewiesen, entworfen von den eigenen, aber im Ausland wohnhaften Landsleuten... „Nur“ Arbeitsplätze bringen das Land nicht weiter, auch wen dies immer wieder betont wird. Nein: Gewinner dieses Spannungsfeldes im Bereich Löhne sind natürlich die globalisierten Konzerne.

Politik als Vollstrecker der Wirtschaftsinteressen
Da immer mehr Sektoren der staatlichen Grundversorgung privatisiert worden sind, reduziert sich die Rolle des Staates und der Pokitik immer mehr darauf, für „die Wirtschaft“ weiterhin optimale „Produktionsbedingungen“ zu schaffen. Getrieben von "florierende Wirtschaft beschert hohe Steuereinnahmen", werden wirtschaftsfreundliche Strukturen geschaffen.  Das heißt: Produktionsstandort bleibt, aber lohnintensives Personal wird durch preiswertere Arbeitnehmern ausgewechselt. Ersteres wechselt in besser bezahlte Produktionsstandorte, vielfach ins Ausland.

Bleibt die Frage: Dieses egoisistische „Wir haben zu wenig eigene gut qualifizierte Arbeitskräfte, um unseren Spitzenplatz als Wirtschaftsmacht zu halten-also müssen wir welche einfliegen..“ bringt also nicht nur der Wirtschaftsmacht materielle Vorteile. Nein, dieses Abwerben hat auch zur Folge, dass der Abstand zwischen den Top TEN und dem Rest der Welt mittelfristig gleich bleibt. Deren Aderlass im Bereich hochqualifizierte Fachleute ist schlicht und ergreifend zu gross, als dass da eine kontinuierliche Eigendynamik entstehen könnte. Krasses Beispiel ist ja Afrika (wo allerdings China mit sehr interessanten Engagements Fuss zu fassen beginnt).

Noch aber eröffnen sich in den „Schwellenländern“ durch staatliche geförderte „Hilfsprogramme“, früher sagte man Entwicklungshilfe, Dauereinnahmequellen für Industriekonzerne, welche risikolos und garantiert fließen und die Bilanz ganz nett aufpolieren . Win win für die Einen – für die Andern bleibt so gut wie nichts.


Neo-Kolonialismus.

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