Dienstag, 12. Januar 2016

Anschlag in Istanbul: Besonnenheit ist gefragt

Erneut ein Menschen verachtender Anschlag in Istanbul. Wieder sind völlig unbeteiligte Menschen betroffen. In diesem Falle eine deutsche Touristengruppe, welche sich ein Selbstmordattentäter offenbar bewusst als Ziel ausgesucht hat. 10 Menschen sind dabei getötet worden, 15 Personen wurden verletzt. Unermessliches Leid ist über die Familien der Opfer hereingebrochen und sicherlich trauern wir alle mit.  

Ein "Angriff auf Deutschland"? Sind wir jetzt im Krieg? Muss darauf sofort reagiert werden? Mit aller Härte? Wo und wie? Gegen wen?  Schon befinden wir uns mitten im Dschungel Nahost mit seinen Kriegen, ethnischen und religiösen Spannungsherden und müssen auf brutale Weise zur Kenntnis nehmen, dass von dort nicht nur Flüchtlinge kommen, sondern eben auch ein unvorstellbares Maß an Gewalt  den Alltag prägt.

Übereilte Reaktionen, voreilige Schlüße  sind fehl am Platz

Wieder einmal ist es der türkische Staatspräsident Erdogan, der bereits 2 Stunden nach dem Attentat vor die Medien tritt und den Selbstmordattentäter als Syrer identifiziert. Das geht bei solchen Anschlägen immer sehr schnell und hat System. Schon häufig mussten solche Aussagen auf Grund unwiderlegbarer Fakten zurück genommen werden. (Ankara, Mardin, Diyarbakir)

Deswegen gibt es in der Türkei selbst von Erdogan-Gegnern immer wieder Kommentare wie: "Offensichtlich ist es in der Türkei ein ungeschriebenes Gesetz, dass Selbstmordattentäter für ihre Anschläge als wichtigstes Utensil einen spreng- und feuersicheren Personalausweis mit Originalname und Geburtsort auf sich tragen oder diesen neben dem Tatort leicht auffindbar deponieren...".

Davutoglu, der Ministerpräsident, hat inzwischen nachgebessert: Der Täter war Mitglied der IS - von Nationalität spricht er nicht mehr..

.. und seit einer Stunde gilt in der Türkei eine totale Nachrichtensperre zu diesem Ereignis. Das bedeutet: Türkische Zeitungen dürfen nicht mehr berichten, auch nicht über die Ergebnisse eigener Recherchen. Das bekannte Muster also. 

Es gibt  viele mögliche Tätermotive und wenn die Regierung das derzeitige Chaos strategisch auf Linie hat, wird sie mehr berichten. IS ist möglich, aber auch der Regierung dienlich, denn sollte es sich um eine innertürkische Täterschaft aus dem Südosten der Türkei handeln, würde der Blick der Weltöffentlichkeit schlagartig auf den seit einem Monat dauernden und auch für die Armee verlustreichen Zermürbungskrieg mit kurdischen Gruppen fallen. Darunter hat vor allem die gesamte Zivilbevölkerung zu leiden.

..und noch ein Gedanke: Es ist seit zwei Jahren offensichtlich: Erdogan versucht immer wieder, die NATO aktiv in "seinen" Krieg gegen Assad hineinzuziehen. Das sollte im Hinterkopf behalten werden.


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