Freitag, 25. September 2015

Volkswagen: Wirtschaft lenkt Politik

Die USA setzen ein Zeichen in Sachen Verbrauchertäuschung und bewusstem Unterlaufen vorgeschriebener Umwelt-Grenzwerte. Volkswagen mit seiner breit geschachtelten Produkte-Palette ist das erste Opfer. Auch in Europa wird man langsam munter. Seit Jahren hat man die Diskrepanz zwischen Werksangaben und tatsächlichem Treibstoffverbrauch  Achsel zuckend hingenommen und die Mogeleien mit den Euro 6 -Normen waren in Deutschland schon Thema, bevor nun die USA zugeschlagen haben.

Was im Moment überraschend erscheint, hat eine Vorgeschichte. Seit einem Jahr sollte sich Volkswagen gegenüber den US-Behörden erklären, was offenbar auch der Bundesregierung bekannt war. Wie so Vieles, wollte man auch dies aussitzen. Erst der verhängte US-Verkaufsstopp für die 2016-Modelle brachte aber die Blase wirklich zum Platzen und selbst da war in ersten Stellungnahmen  deutscher Politiker "nur" vom US-Markt die Rede.  Warten wir ab, was die Untersuchungen bringen werden, dazu werden wir sicherlich noch viel erfahren. Die Dreistigkeit, mit welcher da jedoch Spitzenmanager zocken und ein Weltunternehmen gefährden, ist schon erstaunlich.
In diesem Beitrag geht es jedoch um etwas Anderes:

Zu groß - um zu sterben bedeutet auch: Politische Unantastbarkeit!

Unbestritten ist die Rolle Volkswagens als Jobmotor in ganz Europa. Dies führt dazu, dass dieser Konzern auf Bundes- wie auf EU-Ebene eine Sonderbehandlung erfährt. Erinnert sei an die seit Jahren dauernde Diskussion um verschärfte Abgaswerte in Europa. Es geht aber noch weiter: Die Verursacher, also die Autobauer legen auch gleich Vorschläge für mögliche gangbare Regelungen auf die EU-Parlamentstische, nicht ganz uneigennützig.  Oder das läuft umgekehrt - im Dienste der Konzerne! - seit Jahren! EU-Abgeordnete als Handlanger von VW. Es geht um Freistellung von Kleinbussen von geplanten Abgaswerten....  Dann die EU Diskussion um das VW-Gesetz. In zwei von drei Punkten musste nachgebessert werden. Das Gesetz bleibt im Kern unangetastet...

Wovon die EU träumt, ist durch die Wirtschaft längst realisiert

Gerade die Vorgeschichte und weitere Entwicklung der EU zeigt, wie sehr eigentlich die politisch Verantwortlichen seit Jahrzehnten strukturell hinter den wirtschaftlich potenten Konzernen herhetzen und nie eine Chance haben werden, "auf Augenhöhe" anzukommen:
  • Gründung einer europäischen Wirtschaftgemeinschaft, bestehend aus 6 Staaten Ende der 50-er Jahre.
  • 1992 Gründung der EU (wobei man offensichtlich das W für Wirtschaft vergessen hat), denn DAS war die Triebfeder für all diese Bemühungen.
  • Aufgebaut ist die EU auf einer Führungs- und Entscheidungsstruktur, welche jeden Industrie- oder Dienstleistungskonzern in die Pleite treiben würde.
Daneben haben die Industrie- und Dienstleisterkonzerne bereits ab den 80-er Jahren begonnen, die Welt - und nicht mehr Europa - als Produktionsstandort und Absatzmarkt zu betrachten. Global Players eben. Da kann die EU nicht mit halten - höchstens mit TIPP und ähnlichen Globalverträgen, über welche beharrlich geschwiegen wird... 

Was solche Riesenunternehmen jedoch als Klumpenrisiko mit sich führen, ist eben auch der Crash, die globale Kettenreaktion. Die Finanzkrise hat das deutlich gezeigt - denn plötzlich sind es wieder die Länder, oder die EU, welche nun diese Elefanten mit Billionenstützen auf den Beinen halten müssen. Und dieses Geld kommt woher? Fällt vom Himmel?

Volkswagen ist ein solcher Elefant

Rund 600 000 Angestellte weltweit, ca. 160 000 Arbeitnehmer in Deutschland, Zulieferer in ganz Europa. Über 200 Mia € Umsatz. Von 9.5 Mio ausgelieferten PKWs im Jahre 2014  wurden 2,9 Mio Fahrzeuge in Westeuropa verkauft. Quelle Bilanz-Bericht VW S. 85  
Dabei ist zu erwähnen, dass zwecks Kostensenkung immer mehr Hausmarken praktisch am selben Fließband hergestellt werden.., um dann als SKODA, SEAT, AUDI, Volkswagen verkauft zu werden. Hülle markenbezogen, Innereien identisch, preislich gestaffelt. Auch an diese Mogeleien haben wir uns irgendwie gewöhnt

Was passiert, wenn sich der Elefant im Dickicht verheddert?

Spielen wir das Szenario durch: Die Abgasaffäre in den USA, die zu erwartenden Turbulenzen auch auf dem europäischen Markt , vor allem aber mögliche Schadenersatzklagen könnten den Konzern auch finanziell in Bedrängnis bringen. Negative Szenarien gehen von einer möglichen Forderungssumme inkl US-Sammelklagen von bis zu 45 Mia € aus, Optimisten schätzen um die 15 Mia €.  Was, wenn die Liquidität gefährdet wird, der Absatz stockt, Forschung zurückgefahren werden muss, die Bonität sinkt? Was wir aus früheren Global-Player-Geschichten gelernt haben: Oft reicht ein kleiner unvorhergesehener Vorfall für die Auslösung einer Kettenreaktion. 

Klar, dass da die Politik gefragt ist. Finanzspritzen, Darlehen, so wie bei den Banken? Sonderregelungen,  wie es die USA schon in mehreren Autokrisen gemacht haben?  Nur: Im Unterschied zu den USA würde also die EU einen Konzern über Wasser halten, der 2/3 seines Umsatzes außerhalb des EU-Raumes erzielt, beinahe 3/4 der Arbeitsplätze außerhalb Deutschlands betreibt... Andererseits: 160 000 Arbeitsplätze in Deutschland zu retten, kann von nationalem Interesse sein - auch wenn dies die Rettung  von 600 000 Arbeitsplätzen weltweit bedeutet und natürlich entsprechend kostet? Und wofür?  

Das Undenkbare ins Auge fassen? Der Konzern geht pleite und nächstes Jahr sind es Andere, welche ihre Autos auf dem Weltmarkt verkaufen, die Lücke füllen? Engpass? Angesichts der weltweiten Überkapazitäten wohl kaum.
Nur, jetzt ernsthaft: Das will und kann sich niemand leisten, nicht wahr? Da ist dann die Politik in der Pflicht... so lange, bis der Elefant wieder auf eigenen Beinen steht. Freie Marktwirtschaft? Irgendwie schon.... und sonst dann eben der Staat.....auf Zuruf!


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