Samstag, 4. August 2012

Ostdeutschland:Gelöschte Geschichten?

Vor zwei Tagen ist mir ein lesenswertes Interview aus der Zeit unter die Augen gekommen. Es handelt sich um den bemerkenswerten Versuch, diese, in vielen Belangen noch heute bestehende imaginäre Grenze Ost-West entkrampft zu überwinden.

Ich erlaube mir, eine Passage zu zitieren:

ZEIT: Das gerade erschienene Buch der Dritten Generation beginnt mit einer Anekdote. Auf die Frage, was er mit dem Osten verbinde, sagt ein Mitstreiter: »Badeofen«. Kaum jemand besitzt in Ostdeutschland noch einen Badeofen. Hängen Sie einer Zeit nach, die es nicht mehr gibt?
Staemmler: Eines unserer wichtigsten Anliegen ist es, über Erinnerungen zu sprechen – die an die DDR und die an die neunziger Jahre. Es gibt viele Orte, Gegenstände, Selbstverständlichkeiten unserer Kindheit und Jugend nicht mehr. Viel mehr als um Ost und West geht es der Dritten Generation aber um die Differenzen zwischen älteren und jüngeren Ostdeutschen.
ZEIT: Welche sollen das sein?
Staemmler: Jeder Mensch muss sich von seinen Eltern abnabeln. Allerdings war in den neuen Ländern so eine Abnabelung bislang oft nicht möglich. Die kritische Auseinandersetzung zwischen uns und unseren Eltern fand selten statt, weil so viele Eltern in den neunziger Jahren in ihren Berufen und im Leben noch einmal neu anfingen. Das ging mit Entwertungserfahrungen einher. Aber es wurde nie darüber geredet.
ZEIT: Die Eltern waren zu schwach, als dass man sich gegen sie hätte auflehnen können.
Staemmler: Ja, es ist unmöglich, sich von jemandem abzugrenzen, der selbst suchend ist. Vieles hier ist nach der Wende wunderschön geworden, wurde geradezu mit Schönheit überschüttet. Dennoch ging 1990 für viele mit einer großen Entzauberung einher. Mit 14 Jahren nennt man eine solche Entzauberung Pubertät und kommt damit klar. Mit 40 nennt man das aber Lebenskrise. Sind Leute peinlich berührt, ziehen sie sich zurück. Sie werden grummelig, engagieren sich nicht mehr. Ein großes Problem unserer Heimat.
Dazu drei Dinge, welche mir persönlich während eines dreiwöchigen Aufenthaltes in Sachsen-Anhalt aufgefallen sind:

1. Es gibt sehr wohl eine Generation, welche im Hier und Jetzt lebt, beruflich wie familiär und von denen ich noch nie ein Wort zum Thema Ost oder West gehört habe. Das wäre wohl diese Dritte Generation.

2. Daneben wurden wir sehr oft Zeuge von Gesprächen unter älteren Leuten und derer gibt es ja überproportional viele, weil die jungen Menschen nach Abschluss ihrer Berufslehre mangels Arbeitsplätzen ihr Glück ausserhalb der Region suchen mussten , noch heute müssen. In diesen Unterhaltungen ging es dann neben Alltagsthemen schon oft um Themen aus der  Zeit vor 1990, oder, was man heute aus jener Zeit vermisst. Alltägliche Rückblenden. Und noch was: Vielfach leben die Kinder hunderte von Kilometern entfernt, haben dort ihre Familien gegründet. Vor Ort fehlt also die Dritte Generation und diese gewünschte und vielleicht notwendige Auseinandersetzung.

3. In Gesprächen mit Deutschen Kollegen aus den alten Bundesländern, aber auch in Leserbriefen zu aktuellen Themen begegne ich sehr oft der Meinung, die heutige wirtschaftliche und soziale Situation Deutschlands sei entstanden, weil man mit den neuen Bundesländern bis heute eine Riesenlast zu stemmen habe.Also "wegen" der neuen Bundesländer.   Diese Meinung wird auch in Anwesenheit von Menschen aus den neuen Bundesländern überzeugt vertreten. Ist dem wirklich so? Vielleicht lasse ich mich mal in einem separaten Beitrag auf dieses Thema ein.


Beispiel Dorfchronik, die weissen Flecken
In diesem ganzen Kontext stellt man dann etwas ganz Erstaunliches fest, wenn man im Internet vor allem Dorf- und Kleinstadtchroniken durchliest. Nicht nur das 1000-jährige Reich, auch die Zeit darnach bis 1990 ist vielen Fällen ganz ganz knapp beschrieben, manchmal völlig ausgeblendet. Ziemt es sich nicht, über die DDR-Zeit zu berichten? Immerhin die Geschichte von zwei Generationen. Einfach weglöschen? Dorfgeschichten, welche ja auch Lebensgeschichten sind, ausblenden?

Ich sprach vor drei Wochen einen in der Türkei lebenden  Freund, welcher die DDR-Zeit miterlebt hat, auf diese Beobachtung an . Er antwortete mir sehr knapp und schlüssig: "Loben wir das, was damals gut war, bis heute gut ist, sind wir Altgestrige, welche noch nicht im Heute angekommen sind. Fundamentalkritik und "alles war schlecht" am Damals,  wollen wir aber nicht üben, weil es nicht zutrifft.  Also was bleibt? Wir schweigen und denken uns unsere Sache. Alles war nicht schlecht."

Ja, so passt eigentlich das Interview-Zitat aus der Zeit sehr gut in dieses Umfeld. "über Erinnerungen sprechen" DÜRFEN. Sie nicht opportunistisch verdrängen  MÜSSEN. Dazu gehört auch die Toleranz von Menschen, welche die DDR nicht erlebt haben, diese Eindrücke und Geschichten WERTFREI anzunehmen. Immerhin sind NOCH viele Menschen (nämlich die Generation 40+), denen ich begegne, in der DDR gross geworden, haben sie hautnah erlebt, wurden durch diese Geschichte geprägt, so wie ich durch meine Geschichte.  Erinnerung an das Unangenehme UND Schöne, welches man erleben musste oder durfte.

Ab kommenden Freitag sind wir wieder in Sachsen-Anhalt. Worauf ich mich als Schweizer neben der Begegnung mit liebenswerten Menschen, dem besseren Kennenlernen unseres zukünftigen Wohnortes ganz besonders freue??

OSTBRÖTCHEN !!!!!
Für viele Menschen ein Stück Heimat.
Für andere einfach gut!!!
.. und wer hats erfunden??? :-)))




Kommentare:

  1. Hallo Walter
    Ich wünsche Margrit und Dir weiterhin alles Gute
    damit Ihr Euch gut einleben könnt!
    LG Anita

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  2. Danke Anita, ja, das hoffen wir natürlich auch.

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