Montag, 21. November 2011

Türkei: Wirtschaftstiger mit wackligen Zähnen (1)

In verschiedenem Zusammenhang wird die Türkei als schnell wachsende Wirtschaftsmacht und politisch immer wichtiger werdendes Schwergewicht im Nahen Osten gehandelt. Die türkischen Politiker selbst bringen ihr Land im Zusammenhang mit den EU-Verhandlungen auch immer wieder als Wirtschaftsankurbler ins Spiel. Wenn man sich in den letzten Jahren die Noten und Bewertungen in einschlägigen Handelsblättern angeschaut hat, so stand die Türkei, was Finanzpolitik und Wirtschaftswachstum betrifft,  eigentlich immer makellos da. Dies alles wird fleissig nachgebetet, ohne etwas genauer zu recherchieren, wie denn dieses Wachstum zustande gekommen ist. Richtig ist, dass die Türkei ein bevölkerungsmässig schnell wachsendes Land ist, was natürlich an sich schon Wirtschaftswachstum generiert. Allerdings bereitet den Behörden die Tatsache, dass auch hier die Geburtenzahlen rasant schwinden, einiges Kopfzerbrechen und der egierungschef bringt das so auf den Tisch: Wenn die Türkei weiterhin erfolgreich wachsen wolle, brauche man pro Familie im Durchschnitt mindestens drei Kinder...


Rückblende 2001:

Die Türkei war auf Grund einer schweren Banken- und Privatverschuldungskrise von einem Tag auf den andern praktisch pleite, die Lira verlor über 50% an Wert und da viele Schulden mangels Vertrauen in die Landeswährung (welche damals mit Inflationswerten von 80 - 100/ glänzte) in Euro oder Dollar liefen, entstand für Staat und  Wirtschaft eine auswegslose Situation. IWF und Weltbank pumpten Geld in die Türkei und unter dem eilends berufenen Spezialisten Kemal Dervis wurden harte Bankengesetze und Modernisierungsmassnahmen eingeleitet. Zugleich musste gespart werden, was das Volk wiederum nicht goutierte (etwas was wir in den kommenden Wochen in EU-Süd mit Sicherheit auch erleben werden, aktuell am Beispiel Spanien vergangenes Wochenende) und die vermeintlich verantwortliche Regierung  Ecevit 2002 in die Wüste schickte. An ihre Stelle kam die islamisch geprägte AKP unter Regierungschef Erdogan, welche nun seit 9 Jahren regiert.

2002 - 2007: Rieseninvestitionen in Infrastrukturen

Diese Periode war für die Regierung geprägt von sehr heiklen innenpolitischen Spannungen, hing doch dauernd ein Parteiverbot in der Luft. Ausserdem prägte eine geradezu fundamentalistisch zu nennende Oppositionspolitik der ehemaligen Regierungsparteien ohne irgendwelche Visionen  sowie eine alles andere als kooperativ zu nennende Zusammenarbeit Beamter ehemaliger Regierungen, welche wichtige Ämter besetzten, das innenpolitische Klima. Dazu kam ein andauernder Konflikt mit dem Militär, welcher erst 2010 endgültig zu Gunsten der Regierung geklärt wurde.

Trotz all dieser Widrigkeiten muss neidlos anerkannt werden, dass diese Regierung, eigentlich schon von ihren Vorgängern beschlossene Reformen zügig umsetzte und daneben gewaltige Investitionen im Bereiche Infrastruktur, insbesondere Verkehrswege, Bahn und Flugverkehr auslöste. Wer die Türkei in den 90-er Jahren bereist hat, weiss, wie desolat gerade das Strassennetz war, wenn man mal von den Zentren Istanbul, Ankara, Izmir absieht. Dass aber ein Riesenland wie die Türkei auf gute Verkehrsanbindung angewiesen ist und hier riesiger Aufholbedarf bestand, wurde von der Regierung erkannt und korrigiert. Folge: Gewaltige Geldsummen wurden in Strassen, neue Bahnlinien und Flughäfen verbaut, was zugleich natürlich Zehntausende von Arbeitsplätzen im von Arbeitslosigkeit gebeutelten Lande bedeutete.

Wie wurde dies alles finanziert?

Es gab im Grunde genommen drei Modelle:

a) mit Einnahmen aus Privatisierungen von Staatsbetrieben, Verpachtung oder Verkauf von Land, welches dem Staate gehört. Allein im Jahre 2005 erzielte so der Staat Einnahmen von rund 20 Milliarden Dollar. Kritiker merken zu diesem Thema an, dass der Staat hier in kürzester Zeit sein Tafelsilber verkauft, einmalige Einnahmen erzielt, anschliessend aber ziemlich mittellos da stehen wird. Dies nahm aber auch drastische Formen an, indem beispielsweise der Familienkonzern der Uzans (Cem Uzan war ein politischer Gegner und Herausforderer Erdogans) wegen Steuerschulden und Rechtsbrüchen zerschlagen und über den staatlichen Treuhandfonds meistbietend verkauft wurde.

b) Yap - İşlet: Baue und betreibe, heisst dies. Entweder errichtet ein privates Konsortium z.B. einen Flughafen und hat anschliessend das Recht, sämtliche Einnahmen dieser Anlage während einer bestimmten Laufzeit (abgesehen von Mehrwertssteuer etc.) einzusacken. Nach Ablauf der Vertragsdauer wird dann die Anlage neu meistbietend ausgeschrieben. Diesen Erlös steckt der Staat erneut ein. So hat die deutsche Fraport im Jahre 2007 die Betriebsrechte bis 2024 für die beiden Terminals des Flughafens Antalya für 2,4 Mia € ersteigert. Das heisst: Der Staat kommt hier an Geld, ohne dass er selbst investiert.  Das Risiko trägt der Unternehmer, respektive dessen Kunden. Was das heisst, wissen alle Touristen, welche über Antalya ausfliegen und sich beim Anblick der dortigen Preise verwundert die Augen reiben. Irgendwie müssen diese horrenden Summen wieder reingeholt werden und diese Zeche bezahlt......?????.

c) Massive Besteuerung von Konsumgütern Den höchsten Benzinpreis in ganz Europa bezahlt man mit 1.84 € in der Türkei, Handys, Telefon und Strom sind mit diversesten Zusatzsteuern belegt, womit die eigentlichen Verbrauchskosten letztendlich nur die Hälfte des zu zahlenden Betrages ausmachen. Da ansonsten wenig Steuern bezahlt werden und die Schattenwirtschaft nach wie vor ein ernstes Problem darstellt, holt sich der Staat sein Geld via Steuern bei den Gütern, welche von allen konsumiert werden.

TOKI, der staatliche Bauriese

Während auf der einen Seite privatisiert wurde, entstand via Wohnbaumisterium unter dem Schlagwort Sozialer Wohnungsbau eine Organisation, welche heute in der Türkei gemessen an Wohneinheiten der  bedeutendste Bauunternehmer überhaupt ist. Allerdings hält man hier von Liberalisierung eher wenig, denn mit diesem Modell kann der Staat gewaltig Geld verdienen. Unter dem Motto "Niemand soll ohne eigene Wohnung bleiben", werden  Wohnungen bereitgestellt, welche von den Bewerbern mit minimalstem Eigenkapital ( rund 1000 € ) erstanden und anschliessend mittels monatlicher Prämien  ab 150 € (bei einem Monatsgehalt vieler Erwerber von unter 400 € !!) während 10 Jahren und mehr abgestottert werden. Inzwischen ist man auch dazu übergegangen, einen Teil der Wohnungen direkt nach Fertigstellung auf dem freien Markt als Kapitalanlage zu verkaufen..  Interessant ist nun die Seite von TOKI: Während auf der türkischen Seite das gigantische Bauvolumen schnell sichtbar wird, betont TOKI auf der englischen Seite das Soziale Engagement, indem Gebäude mit gemeinschaftlichen und sozialen Funktionen im Vordergrund stehen.

Es ist klar, dass diese monströsen Bauvorhaben mit Hunderttausenden von Wohnungen neben Arbeitsplätzen auch den Bereich Möbel, Haushalt usw. wirtschaftlich mächtig voranbringen, gewaltige zusätzliche Wachstumsimpulse ausgelöst werden. Diese TOKI-Projekte sind ein wesentlicher Faktor des türkischen Wirtschaftswachstums. Die Schattenseiten beleuchte ich im nächsten Beitrag, denn was da auf dem Papier schlüssig ausschaut, hat in der Praxis so seine Tücken.

Privatindustrie:

Dank tiefer Lohnkosten war und ist die Türkei natürlich auch für ausländische Firmen interessant. Schon früh hatten Renault und Fiat Produktionsstätten in der Türkei, es folgten Toyota, Hyundai, Mercedes und MAN mit Nutzfahrzeugen und auch Opel hat es mal einige Jahre probiert.   Für alle diese Investoren galt: Ohne türkische Partnergesellschaft und Gründung einer entsprechenden türkischen Firma geht gar nichts. So gibt es eine Reihe von türkischen Riesenkonzernen, welche eigentlich in erster Linie dank kluger Firmenbeteiligungen mit dem Ausland gross geworden sind. Der Teilhaber von Renault ist seit 1961 mittels Spezialgesetz der Rentenfonds der türkischen Armee, OYAK. Teilhaber von Ford ist das Koc-Imperium, Toyota - Mitsubishi arbeitete über 50 Jahre mit der Sabanci-Holding, welche dann ihre Beteiligung 2009 für 85 Mio Dollar an eine weitere türkische Firma verkauft hat. 

War die Türkei noch Ende der 90-er Jahre ein begehrter Standort für Massenproduktion im Textilbereich, mussten inzwischen viele dieser Grossschneidereien geschlossen werden. Fernost mit deutlich tieferen Produktionskosten war eine nicht zu schlagende Konkurrenz. Geblieben ist allerdings der Bereich qualitativ hochwertige Verarbeitung von Textilien, entstanden sind eigene Modelabels.

Stahl-Recycling: Die Türkei ist der grösste Verwerter von Altmetall europaweit. Ein Zentrum ist Iskenderum, wo dieses Altmetall eingeschmolzen und wiederverwendet wird. Angesichts des gewaltigen Baubooms ein nicht zu unterschätzender Faktor für die einheimische Wirtschaft.

Der jahrelang wichtigste  Devisenbringer war der Tourismus, inzwischen abgelöst vom Immobiliensektor. Die gewaltige Bautätigkeit im Hotelbereich hat dazu geführt, dass die Besucherzahlen im zweistelligen Rahmen wuchsen, die Wertschöpfung aus dem Tourismus jedoch prozentual nur marginal zunahm. Dazu kommen entstandene Altlasten wie fehlende Infrastrukturen im Umweltbereich, welche hier nicht eingerechnet sind und vielerorts erst geplant werden. 

Währung:

Der Regierung Erdogan ist es gelungen, die Inflation recht schnell in den Griff zu bekommen und abgesehen von einzelnen Dellen blieben die Wechselkurse bis 2009 weitgehend stabil, was angesichts hoher Zinsen viele Investoren ins Land lockte. Immer mehr ausländische Banken kauften sich dank dieser Kreditzinsen und den zu erwartenden Renditen bei türkischen Banken ein, brachten so mehr Kapital auf den Markt und konnten von satten Zinsspannen leben. Erwähnenswert: diese Banken operieren zum grossen Teil im Inland und dies mit einer relativ guten Eigenkapitaldecke. Dies ist eine Folge der eingeleiteten Massnahmen nach der 2001 Fast-Staatspleite.

Handel ja - Entwicklung nein

Diese Zeitspanne bis Ende 2007 war geprägt von einem gewaltigen Innovationsschub in der Türkei, wobei Innovation dank Liberalisierung von aussen kam, sprich Technik oder Technolgie wurde eingekauft oder durfte nur unter Geschäftspartnerschaft mit einem türkischen Partner angewandt werden. Vieles von dem, was heute als Wirtschaftswachstum definiert wird, ist entstanden durch das Engagement ausländischer Konzerne oder wurde vorfinanziert durch den Staat. Damit sind natürlich Hunderttausende von Arbeitsplätzen entstanden, damit kam Geld in Umlauf und damit wiederum konnte der inländische Konsum angekurbelt werden. Die Türkei hat es aber in der Zeitspanne von 1990 bis 2007 zum grossen Teil verpasst, wirklich eigenständige Industrien aufzubauen, Produkte zu entwickeln und auf dem Weltmarkt erfolgreich zu vertreiben. Bis heute gibt es kein wirklich türkisches Motorrad, kein türkisches Auto, dies bei einem Potential von 70 Mio Einwohnern. Nein, es wird in Lizenz produziert und ein grosser Teil der Wertschöpfung fliesst ins Ausland. Nun dürfte es zu spät für den Aufbau eigener Produktepaletten sein, denn inzwischen sind die wirklichen Tigerstaaten aus Fernost am Drücker. Also wird mit deren Produkten gehandelt und mit Schutzzöllen für ausreichend Staatseinnahmen gesorgt. Die entstehenden Mehrkosten bezahlt einmal mehr der Konsument.

Löhne

Die Türkei kennt  Mindestlöhne. Diese haben sich von 2002 bis heute von damals ca. 120 € auf heute rund 350 € erhöht. Hier taucht nun ein Problem auf, denn gleichzeitig wuchs der Lohn von Staatsbeamten und Lehrern in unglaublichem Ausmass von rund 250€ auf heute über 600 €. Die Praxis, Löhne inflationsbedingt zu erhöhen, hat hier eine Schere geöffnet, welche über kurz oder lang soziale Spannungen mit sich bringt. 

Dazu zwei Zahlen: Es gibt in der Türkei bezüglich Lebenshaltungskosten zwei Werte: Die Armutsgrenze und die Hungergrenze (also der Betrag, welcher unbedingt erforderlich ist, um die Familie nicht hungern zu lassen). Für den Oktober 2011 lauten sie:

Armutsgrenze für eine 4-köpfige Familie: 1 558 Türkische Lira  

Hungergrenze für eine 4-köpfige Familie : 1 192 Türkische Lira  Quelle

Demgegenüber steht der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn: 837 TL brutto, 658,95 netto. Der Arbeitgeber bezahlt auf die Bruttolöhne zusätzlich 21,5% an Altersversorgung und Arbeitslosenbeiträgen. Quelle  Arbeitskraft ist also für den Arbeitgeber teuer geworden.

Es zeigt sich deutlich, dass selbst Lehrkräfte als Einzelverdiener mit ihren Nettolöhnen unter die errechnete Armutsgrenze fallen. Diese Kluft vergrössert sich kontinuierlich mit der Entwicklung ab 2007, auf welche ich im nächsten Beitrag eingehen werde.

Wir haben also das Problem, dass all die Statistiken mit den tollen Wachstumskurven irgendwie nicht zur Alltagsrealtität passen wollen, respektive, dass da zwischen Soll und Haben gewaltige Differenzen bestehen.

Leider ist es so, dass, so lange die Rendite für Investoren stimmt, niemand dieser klugen Berater hinterfragt, wie diese denn finanziert wird und so lange wird weiter investiert, werden Investments gepusht. Es besteht also die Gefahr, dass ein Ballon aufgepumpt wird, der so gross und schön ist, dass alle andächtig stehen bleiben ohne zu fragen, ob eigentlich die Reissgrenze nicht schon längst überschritten ist. Dieses Verhalten wiederum kennen wir inzwischen zur Genüge aus Europa. Hier in der Türkei laufen aber die Mechanismen anders.. Mehr im Teil 2

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