Donnerstag, 1. Dezember 2011

Schule: Das Schulzimmer - Schwitzkasten mit 64 – 72 m2


Ich erinnere mich an mein erstes Schulzimmer als Lehrkraft. Ein monumentales , dreistöckiges Sandstein-Schulhaus aus dem Jahre 1912 thronte da auf einem Hügel. Den Abschluss machte zuoberst  ein schmuckes Türmchen. Klassenräume mit rund 90 m2 und eine imposanten Raumhöhe. Beeindruckend.

Was für ein Unterschied zu den Räumen, in welchen ich noch unterrichtet wurde. Neubau 1960, modellhafte Architektur in Schweizerkreuzform, in einer ganzen Region umgesetzt,  Schulzimmer mit 60 m2 und beinahe dreissig Schülern.  Zwei Quadratmeter pro Kind und entsprechend war dann auch die Luft  im Raume, wenn zwei Lektionen vorüber waren.  Die Sekundarschule bestand aus einem Altbau aus der Jahrhundertwende und einem Neubau, in welchem es platzmässig ebenfalls  recht eng zu und her ging. Auch hier war im Winter selbst in den Morgenstunden Gähnen angesagt, wenn die zweite Lektion sich dem Ende zuneigte. Mit Müdigkeit hatte das nichts zu tun, sehr wohl aber mit Sauerstoffmangel und zwei Stunden auf dem Stühlchen sitzen.

Gut, damals „floss“ Bildung massgeblich über die Lehrkraft in unsere Köpfe und als highlight wurde vielleicht mal eine gigantische Maschine namens Episkop hereingerollt, welche Bilder aus einem Buch an eine Leinwand projizierte und ganz selten mal konnten wir im Biologiezimmer  des Altbaus mit der nach hinten erhöhten Fixbestuhlung einen Film anschauen. Das war dann schon ein grosses Ereignis. Später kamen noch Dia-Serien dazu. Das wars an Technik. Trotz dieser technischen Einöde, schon damals gab es gute Lehrer, welche zu fesseln vermochten und andere, welche ihren Stoff herunterspulten.



Die technische Entwicklung verpasst

Alles, was in den letzten 20 Jahren technologisch, vor allem  für den Privatgebrauch, an Neuerungen entwickelt wurde  und schnell Flächen deckend verkauft werden konnte, fand nur langsam und bruchstückhaft  den Weg in die Klassenzimmer.  An Stelle eines Fernsehers/Videogerätes in jedem Klassenzimmer, schuf man einen Medienraum, welcher  pro Woche und Klasse  eine oder zwei Lektionen belegt werden konnte... Vielen Lehrkräften war dies zu blöd, und sie organisierten selbst Geräte in ihre Schulzimmer, bezahlten diese aus der eigenen Tasche. Sie hatten erkannt, dass dieses Medium ihren Unterricht häufiger und unmittelbar bereichern konnte, wenn verfügbar.

Das Computerzeitalter brachte neben bestimmten Systemkriegen in Lehrerkreisen (Apple oder Windows) erneut die Diskussion, was sich Schule leisten könne und was nicht. Computerzimmer waren die Lösung. Man durfte also zwei Wochenstunden in einem separaten Raum am PC arbeiten. Jede Lehrkraft kennt die Problematik. Schüler beziehen Arbeitsplätze, PC’s werden eingeschaltet „Sieee, mein Bildschirm geht nicht…“ , „bei mir kommen nur weisse Zahlen auf schwarzem Grund“, „bei mir passiert gar nichts“ und irgendwann nach 15 Minuten sind dann alle Geräte einsatzbereit, mit Ausnahme der Geräte von Fritz und Vreni, welche nun zuschauen dürfen …  Nach 25 Minuten arbeiten bleiben noch 10 Minuten bis zur Pause und da sollte man langsam beginnen, die Geräte richtig runterzufahren, damit  nicht Klagen vom nächsten Benutzer kommen, er hätte im PC-Raum ein Chaos vorgefunden.  Kann man Ineffizienz besser beschreiben?
So begannen wiederum  verschiedene Lehrkräfte aus eigener Initiative, drei oder vier ausrangierte PC’s in ihren Schulräumen zu installieren, einheitlich auszurüsten und mit entsprechenden Lernprogrammen zu bespielen. Das alles noch ohne Internetanschluss, aber: Mit 4 PC’s war eine komplette Arbeitsstation für gezielte Übungen oder Partnerarbeiten entstanden. Hier konnte man die Geräte morgens einschalten und tagsüber waren sie  während mindestens 2-3 Stunden benutzt, Übungseinheiten von 10 – 20 Minuten,  trainiert, geschrieben und es war überprüfbar, was geleistet wurde. Das Tolle: Dieselben Übungen konnten zu Hause weiter trainiert werden und wieder gab es ein Protokoll.  Nach der ersten Euphorie gehörte das Arbeiten am PC für die Schüler genauso zum Alltag wie ein Eintrag im Arbeitsheft.

Inzwischen sind wir bereits wieder eine Stufe weiter. Internetzugang ist heute Alltag, an Stelle von PC-s kann man Laptops, Tablets oder OS-Chrome verwenden. Wir können auf ausgeklügelte Schulnetze zurückgreifen, oder uns durch das Internet pflügen, auf der Suche nach ganz bestimmten Infos, welche wir benötigen. Gemessen an den Kosten von Schulbüchern müssten also PC-Arbeitsplätze auf jeden Fall drinliegen. Sie sind nicht das Mass der Dinge, aber  wertvoll, da vielseitig einsetzbar und robust.

Das Schulzimmer von gestern hat ausgedient

Neue Lehrmethoden werden ja dauernd entwickelt und an Kursen doziert. Neue Lehrmittel mit neuen Technologien bereichern in schöner Regelmässigkeit die Lehrmittelbörsen. Trotzdem bleibt zu fragen, wieviele Prozent aller gehaltenen Lektionen weiterhin im Frontalsystem abgehalten werden. Meine Eindrücke bis zum Jahre 2004: Der Grossteil aller Lektionen läuft im klassischen Reihenstuhlung- Lehrervorne-Muster ab (daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Lehrkraft ihren Pult hinten ins Klassenzimmer reinstellt, um die Schüler bei Stillbeschäftigung besser beobachten zu können…). Gründe für diese Monotonie gibt es viele, ein ganz entscheidender Faktor ist sicherlich die räumliche Begrenzheit.

Es fehlt der Platz, dauerhafte Lernnischen, Übungsarbeitsplätze etc. einzurichten. So wirkt denn stetes Improvisieren und Umstellen eher kontraproduktiv und nach einigen solchen Experimenten neigt man als Lehrkraft dazu, völlig darauf zu verzichten. Angesichts dessen, dass jedoch künftig mehrere Lehrkräfte gleichzeitig im Schulzimmer sind, drängt sich eine Neuplanung und –organisation geradezu auf. Dabei sollte der Anspruch im Vordergrund stehen, dass  das Klassenzimmer jegliche Form von Lernen ermöglichen und vom Konzept her unterstützen muss. (Ausgeklammert vielleicht handwerklicher Unterricht, also die Fächer Werken und Textiles Gestalten, evt. Musik)

Das neue Schulzimmerkonzept

Wie anders lässt sich doch der Schulraum gestalten, wenn wir mal von Minimalgrössen um 90 m2 ausgehen.
Neben den 20 -25 Stammplätzen der SchülerInnen
  • besteht Platz für einen grossen Gruppentisch, mit Platz für bis zu 8 Kinder (oder 2 x 4 Kinder), welche betreut an etwas arbeiten, während der Rest der Klasse einer anderen Tätigkeit nachgeht.
  • besteht Platz für eine vielleicht von den Schülern selbst gestaltete Lern-Nische, in welcher kleine Gruppen gemeinsam etwas einüben, einstudieren, trainieren, lesen.
  • Besteht Platz für 4 PC-gestützte Arbeitsplätze, welche jederzeit zur Verfügung stehen und für alles Mögliche genutzt werden können.
  • Sind Flachbildschirm mit DVD-Player und Abspielmöglichkeiten für Tonträger Standard und fix installiert.
  • Wird das Wort Lernnische auch architektonisch langsam umgesetzt oder der neue Schulraum zumindest mit mobilen Raumteilern bestückt.
  • Wohlfühl-Atmosphäre ist ein wesentlicher Pfeiler bei der Planung von Arbeitsplätzen. Warum nicht auch in der Schule? Das muss nicht eine einmalige Aktion sein, aber die Schulräume sollten zumindest die Möglichkeit bieten, dass eine Klasse und ihr Lehrerteam ihr Reich ihren Bedürfnissen entsprechend gestalten können und dies nicht als Tagesprovisorium, sondern als modernes, sich dauernd wandelndes Lernstudio.
  • Jugend bedeutet Entwicklung, Veränderung, alles ist im Fluss. Es wäre toll, wenn in der Schularchitektur weniger das ausgeklügelte Raumkonzept eines Architekten Jahrzehnte überdauern und zum Schluss noch unter Denkmalschutz gestellt wird und stattdessen Raumhüllen entworfen werden, welche ein Maximum an Flexibilität und individuelle Gestaltung zulassen.
  • Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass gerade Quartierschulen innerhalb von dreissig Jahren mit enorm schwankenden Schülerzahlen zu rechnen haben, so lange, bis sich der nächste Generationenwechsel vollzogen hat. Schulräume sollten also temporär auch anders genutzt werden können.
Mit Raumgrössen ab 90 m2  entstehen Lern- und in gewissem Sinne auch Lebensräume, in welche Lehrerteams und Schüler sehr viel einbringen können. Wenn nun eben eine Klasse das Gefühl hat, sie möchten zwei Kajütenbetten als Lesecke im Schulzimmer haben, dann ist dies möglich und wenn die Schüler diese Betten, evt. mit Hilfe der Eltern auch noch selbst irgendwoher organisieren, so entsteht da ein ganz wesentliches Stück „Wir“, selbst wenn ich mir als Lehrkraft andere Leseecken vorstellen könnte. Aber ich lese ja hier nicht… Oder eine Sitzecke, sei es eine Polstergruppe oder ein Teppich mit Kissen.. oder die PC-Gruppe als eigenes Büro mit Trennelement.. ja, warum nicht?

Entscheidend ist, dass in derartigen Klassenzimmern mehrere Arbeitsstationen  entstehen, auf welche jederzeit Zugriff besteht. Diese bestehenden Stationen sind im Bereiche Übungslektion, aber auch Projektunterricht ungemein wertvoll und ein Muss.

 Für das Lehrerteam ergibt sich die Möglichkeit, mit einer kleineren Gruppe oder Einzelschülern in einem Bereiche des Zimmers zu arbeiten, ohne dass damit gleich die Klasse abgelenkt ist oder gestört wird. Individualisierung und betreutes Lernen oder Repetieren sind keine leeren Floskeln mehr und müssen auch nicht mehr aus dem Schulzimmer an andere Institutionen ausgelagert werden.

Ist diese Forderung nach grösseren Schulräumen überrissen? Nein. Skandalös ist, dass bis heute in verschiedenen Kantonen und Bundesländern tatsächlich noch die 2m2/pro Kind-Regel in der Schulraumplanung zur Anwendung kommt. Das ist dann der Schwitzkasten und mit effizientem Lernen hat dies heute nichts mehr zu tun.

Kommentare:

  1. Interessante Ideen! Und wohl auch in der Umsetzung relativ simpel machbar. Wäre da nicht die Lehrerschaft... In Zeiten, in der eine Lehrkraft ein Einzelkämpfer ist und nicht bereit ist, als Team aktiv zu werden, wird jegliches Engagement als Überforderung aufgefasst. Und Engagement ist es, was zu dieser Veränderung notwendig ist. Überforderung wäre es nicht, wenn alle an einem Strang ziehen würden. Momentan achtet jede Lehrkraft nur darauf, nicht zuviel zu leisten und die wenigen, die sich für ihre Schüler ins Zeug legen, enden oft tatsächlich in der Überforderung. Neben der Umstrukturierung der Rahmenbedingungen, würde ich eine adäquate Ausbildung für Menschen, die tatsächlich LehrerIn werden wollen, fordern. Ein Studium, das die LehrerInnen dahingehend ausbildet, den Schülern und Schülerinnen pädagogisch sinnvoll etwas beizubringen und nicht im Frontalunterricht zu enden...
    Danke für diesen Beitrag - hat mir gut gefallen!

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  2. Danke für die Rückmeldung. Möglicherweise müsste man eben auch fragen, inwiefern das heutige Lehrerbildungssystem massgeblich dafür verantwortlich ist, dass sich Lehrkräfte von vornherein damit abfinden, dass sie rund 20% ihrer effektiven Arbeitszeit in Teamarbeit, Schulhausprojekte und Jahres-Projekte investieren, welche ihnen jedoch im eigenen Schulzimmer so gut wie nichts bringen

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