Sonntag, 20. November 2011

Türkei: Sich irgendwie über die Runden bringen

Viel war zu lesen in den letzten Monaten über den "Tigerstaat" Türkei, welche in Sachen Wachstumsraten selbst den Chinesen den Rang abzulaufen droht. Zweifellos ist viel passiert in den letzten Jahren, was alle bestätigen können, die die Türkei als Urlaubsland kennengelernt haben oder aus geschäftlichen Gründen sich regelmässig in den grossen Ballungszentren aufhalten.

Als Kontrast dazu eine Ali-Geschichte

Die Protagonisten können Mehmet, Ismet, Kerim heissen, zu finden sind sie ausserhalb der Städte in den Dörfern. Sie betreiben Kleinlandwirtschaft zwecks Selbstversorgung, teilweise gehen sie zusätzlich einem Nebenerwerb nach, um beispielsweise den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen, was in der Türkei sehr teuer ist.



Der Ali, von welchem heute die Rede ist, hat drei Kinder, alle schulpflichtig. Der Weg vom Elternhaus zur Haltestelle des Schulbusses beträgt 4,5 Kilometer, der Höhenunterschied 300 Meter. So nächtigen Mutter und Kinder in einem seit Jahren leer stehenden Haus der Waldverwaltung, die defekten Fenster mit Plastikplanen zugeklebt. Nachdem die Kinder dann um 7:45 vom Schulbus abgeholt worden sind, macht sich die Mutter zu Fuss auf den Weg nach Hause, wo sie mit ihrem Manne arbeitet. Abends gegen 17 Uhr kommt sie dann wieder, in beiden Händen je eine Tasche mit Nahrungsmitteln. Pro Tag 10 Kilometer Fussmarsch, bei jedem Wetter.

Die Familie steckt in einer wirtschaftlich prekären Situation und ist beileibe kein Einzelfall. Viele solcher Geschichten liessen sich erzählen. Unser Ali hat vor vier Jahren begonnen, eine kleine Ziegenherde aufzubauen, gut zu pflegen und zu vergrössern. Sie sollte ihm die nötigen Einkünfte bringen, um ab 2012 die zu erwartenden Schulkosten der älteren, sehr intelligenten Tochter zu bestreiten.

Da die Tiere auch zugefüttert werden, entstanden natürlich Kosten, welche beglichen sein wollten. So verkaufte er letztes Jahr planmässig etwa 30 Tiere, die Hälfte seiner Herde, um wieder schuldenfrei dazustehen. Der Händler zahlte im einehn kleinen Teil bar an, der Rest sollte nach Verkauf überwiesen werden. Darauf wartet Ali noch heute, das heisst, er wurde betrogen. Die Schulden wurden also nicht weniger und als es dann ganz eng wurde, blieb ihm nichts Anderes übrig, als auch den Rest der Tiere zu verkaufen. Damit bezahlte er den Grossteil der Schulden und beschloss, Tomaten in grösserem Stile anzubauen.

Dies macht er sehr erfolgreich, doch kann er sie an seinem Wohnort nicht vollständig ausreifen lassen, da es zu früh kalt wird. So transportiert er die noch grünen Tomaten tonnenweise in Kisten in seinem uralten Fargo in unser Dorf und lagert sie in einem Plastiktunnel, wo sie ausreifen und dann auf dem Markt verkauft werden. Nur über diesen Direktverkauf kriegt er auch einen einigermassen befriedigenden Erlös, ansonsten offerieren die Händler um knapp 20 Cent das Kilo. Trotz massivst gestiegener Lebenshaltungskosten ist dieser Preis seit beinahe 10 Jahren gleich..

Dieses Jahr dürfte Ali in den kommenden Wochen rund 4 Tonnen Tomaten verkaufen. Das ergibt einen Erlös von vielleicht 2 000 € und davon sollte die Familie wieder ein Jahr lang leben, es sei denn, Ali findet noch einen Teilzeitjob als Taglöhner beim Forstamt oder sonst irgendwo. Aber auch diese Jobs sind Mangelware und oft nur über Beziehungen erreichbar.

EU ist mitverantwortlich für diese Ali-Geschichten

Rund 30 % der türkischen Bevölkerung leben in ländlichen, dörflichen Verhältnissen und betreiben Landwirtschaft. Dieser Sektor ist in den letzten Jahren so sehr geschrumpft, dass die Türkei heute kein Selbstversorger mehr ist und viele Lebensmittel (Fleisch, Getreide etc.) importieren muss. Dies ist die Folge einer der wichtigsten EU-Forderungen im Zusammenhang mit den Beitrittsverhandlungen. Sie lautete: Die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten muss von über 30 Millionen auf höchsten 15 Mio sinken. Begründet wurde dies damit, dass andernfalls die EU mit Landwirtschaftsprodukten aus der Türkei überschwemmt würde.

Ja, denn viel lieber will die EU in eine kaputt regulierte Türkei exportieren, das ist ein altbewährtes Rezept. Am Beispiel Oesterreichs als Exportland liest sich dies dann so: Bericht aus dem Standard 2010.

Leider haben all die Alis von dieser Entwicklung gar nichts. Im Gegenteil: Um sie herum wird ein Netzwerk aufgebaut, das ihnen kaum mehr Luft zum Atmen lässt. Existenz ruinierend..., aber EU-subventioniert, so lange die richtigen Firmen zum Zuge kommen...

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