Donnerstag, 1. Dezember 2011

Schule: Altersdurchmischtes Lernen mit klaren Strukturen


Dieses Thema sollte in der Schule von morgen von Grund auf neu durchdacht werden. Gehen wir davon aus, dass künftig Lehrerteams Klassen unterrichten werden und bauen wir darauf auf, dass künftige Klassenzimmer mit Minimalgrössen um 90 m2 wirkliches Lernen ermöglichen, dann sollte auch der Begriff altersdurchmischtes Lernen eine Qualität werden. Dazu eine bekannte und eine neue  Definitionen:

a)      Klassen werden mit Schülerinnen und Schülern aus 2 – 3 Jahrgängen durchmischt, verändern ihre Zusammensetzung also jedes Jahr, indem ein Jahrgang aus- und ein neuer Jahrgang eintritt, während 2 Jahrgänge in der Klasse  verbleiben. Wir nennen dies Mehrklassenschule.

b)      Die unterschiedlichen Lernfähigkeiten, der unterschiedliche Entwicklungsstand von Schülern im Einklassensystem bringen es mit sich, dass auch das Lerntempo unterschiedlich ist, einzelne Schüler in 2 Jahren das schaffen, was andere in drei  Jahren knapp erreichen. Dabei ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass bei diesen „schnellen“ Schülern ein oder zwei  Jahre später ein Durchhänger kommt, während die ehemals „Langsamen“ plötzlich flott vorankommen. Es gibt also verschiedene Leistungsniveaus und daraus resultiert ein unterschiedlicher Leistungsstand. Bisher hat Schule zu diesem Thema den gangbaren Mittelweg gesucht, was zu permanenter Unter- oder Überforderung eines Grossteils der Klasse geführt hat.

Während die Mehrklassenschule derartige Leistungsschwankungen einzelner Schüler bis zu einem gewissen Grade abzufedern vermochte, stiess diesbezüglich das alte Einklassensystem sehr schnell an seine Grenzen.
 Repetition oder Anschluss verlieren, das waren die Konsequenzen. Ein weiterer, ganz kritischer Punkt muss hier ebenfalls beleuchtet werden:


Frühe Selektion mit nachhaltigen Folgen:

Im regionalen Bildungswirrwarr finden teilweise bereits Schultyp-Selektionen im Alter von 10 Jahren statt. Diese sind leistungsbezogen und nur bedingt durchlässig. Es werden hier also „Weichen für die Zukunft“  gestellt. Das muss man sich vor Augen halten!  In einer Entwicklungsphase, welche alles andere als stabil ist (Mädchen stecken in dieser Zeit mitten in der Pubertät und sind oft mehr mit sich selbst als mit der Schule beschäftigt, Knaben folgen ein oder zwei Jahre später), wird auf Grund gemessener Leistung eine zukunftsweisende  Selektion betrieben.  Und: Wir sprechen hier von Kindern, welche mitten in ihrer Entwicklung stecken und erst langsam selbstständig und eigenverantwortlich zu denken beginnen!
Was passiert denn eigentlich mit den Jugendlichen, welche zwei oder drei Jahre später durchaus ein stabiles und gutes Leistungsverhalten an den Tag legen, aber damals eben nicht den Anforderungen genügten? Was passiert mit den damals leistungsstarken Gymnasiasten, welche aber ein oder zwei Jahre später in dieses Leistungsloch fallen? Hier gibt es die vielfältigsten Modelle. Ihnen allen ist gemeinsam, dass  es einen willkürlich gesetzten Zeitpunkt X gibt, an welchem diese Hürde zu schaffen ist, oder aber man scheitert definitiv. Natürlich muss irgendwann selektioniert werden, kein Zweifel. Ich plädiere dafür, bis zum Alter von 16 Jahren grösstmögliche  Durchlässigkeit zu gewährleisten.

Individuelle Förderung im Zentrum

Das in den vorangegangenen Kapiteln beschriebene Klassenlehrerteam, in Verbindung mit dem entsprechenden Schulraumkonzept,  hat das Potential,  diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Endlich hat der dauernd herbeibemühte Begriff Individualisierung auch ein Fundament, auf welchem er stabil ruht und nicht bei Bedarf aus der Schublade gezogen wird  und nach einer oder zwei Wochenstunden wieder dort drin landet.
Schule erhält so ein völlig neues Gesicht:
-          Neben der Betreuung eher leistungsschwächerer Kinder können nun auch leistungsstarke Schülerinnen und Schüler gefördert werden. Das kann durchaus das Überspringen einer Klasse bedeuten. Ebenso kann dies jedoch dazu führen, dass leistungsstarke Kinder in anderen Kompetenzen gefördert werden, denn die Wirklichkeit zeigt, es ist nicht nur die Note, welche beruflichen Erfolg gewährleistet.

-          Neben dem übergeordneten klassischen Lehrplan entstehen zusätzlich  individuelle Halbjahresziele  für die Kinder. In deren Zentrum stehen allfällige Schwächen, Lücken, oder eben weiter gehende Förderung. Solche individuellen Pläne können halbjährlich mit Eltern-Kind-Lehrkräften gemeinsam besprochen und neu erstellt werden. Somit wird Schule transparent und aktuell, nachvollziehbar. Kurze Beurteilungsberichte, welche nicht nur das Leistungsniveau, sondern auch das soziale Verhalten und weitere Wahrnehmungen beinhalten, können  für alle Beteiligten äusserst hilfreich sein.

-          Es gibt so gut wie keine Wartezeiten mehr in der Schule. Auch das ein leides Kapitel, wie sich in den meisten Schulstunden beobachten lässt. 1/3 der Klasse ist bereits mit einer Arbeit fertig und muss nun „weiter beschäftigt werden“, 1/3 wird bald fertig sein und 1/3 humpelt hintennach und darf den Rest als Hausaufgabe auf morgen fertigstellen. Mit dem neuen Lehrerteam können diese Probleme anders angegangen werden:

Wochenplan:

Hierbei handelt es sich um den Roten Faden, der die kommende Woche durchziehen wird. Wichtige Einführungslektionen, Übungsstoff und Materialien, Besonderes zu laufenden Projekten,  besondere Anlässe, wöchentliche  Kontrolltests etc. sind hier für Schüler, Eltern (welche die Wochenpläne unterschreiben) detailliert aufgeführt. Das ist das Gerüst der Woche und es ist durchaus möglich, dass auch Schüler  diesen Wochenplan aktiv mitgestalten können. Wochenpläne werden von den Eltern unterschrieben.
Individueller Lernplan:

Er entsteht nach einer Beurteilungsphase mit Tests bei Eintritt in die Klasse und wird natürlich laufend überprüft und ergänzt oder erneuert. Er kommt zum Einsatz, wenn die Wochenplan-Arbeiten soweit erfüllt sind, wobei es selbstverständlich pro Woche Freiraum in Form von mehreren Lektionen gibt, in welchem an diesen individuellen Lernzielen gearbeitet wird.

 Selbstständige Schüler gewöhnen sich sehr schnell an diese Arbeitstechnik und beginnen mit ihren individuellen Arbeiten an einer der Arbeitsstationen oder am Stammplatz. Es gibt also keine „tote Zeit“ mehr im Schulzimmer und somit auch so gut wie keine Ruhestörungen wegen Langeweile etc.

Diese Individualisierung führt unweigerlich  zu unterschiedlichen Leistungsniveaus. Das heisst nun nicht, dass die Klasse als solches auseinanderfällt, sondern, dass die einzelnen Schüler ihren Fähigkeiten entsprechend mit Aufgaben betraut werden. Themen, welche letztlich der Klasse zu Gute kommen.  Es entsteht meiner Erfahrung gemäss auch keine Klassenelite, wenn man nicht einfach Leistung von Kernfächern als Mass der Dinge nimmt. Denn es gibt so genannte leistungsschwache Schüler, welche auf ganz anderen Ebenen Qualitäten haben, von denen wiederum die Klasse profitieren kann. Hier hat das Lehrerteam die wichtige Funktion, dieses Gleichgewicht aufrecht zu erhalten, denn damit wird auch ein Klima der gegenseitigen Akzeptanz und des Respektes unter den Schülern geschaffen.

Werden da Schule und Unterricht nicht verbürokratisiert?

Zugegeben, Wochenpläne erstellen und die entsprechenden Arbeitsblätter bereitstellen, das ist zeitintensiv. Dazu kommen noch die individuellen Lernziele, welche aktualisiert sein wollen. Um völlige Transparenz zu haben und die Eltern gleich mit einzubinden, liessen sich die Wochenpläne und Arbeitsblätter ausserdem ins Internet stellen. Damit entfallen Situationen wie „Aufgaben vergessen“, „wir wussten nicht, was unser Sohn als Hausaufgaben zu machen hat“ etc. ein für alle Mal, oder aber:  die so genannten Hausaufgaben sind bereits in die Tagesschulstruktur integriert. Das wäre ein weiterer Schritt in Richtung Chancengleichheit.
Wochenplan und persönliche Lernziele sind der Rohbau.

Niemand kann ein Haus individuell auszugestalten beginnen, wenn nicht zuvor Wände und Decken gebaut wurden. Genau so ist es in der Schule. Das Gerüst aus Wochenplan und persönlichen Lernzielen ist der Rohbau, bildet die Grundstruktur der Schulwoche. Erst dank dieser Struktur kriegen die Lehrkräfte die Hände frei, sich individuell mit Schülergruppen oder einzelnen Schülern zu befassen. Klassen, welche langsam an dieses System herangeführt werden, entwickeln nach kurzer Zeit einen sehr hohen Output, wie ich immer wieder feststellen konnte. Als Lehrkraft habe ich zugleich den Rücken frei und kann mich mit gezielter Betreuung oder Beratung einiger weniger Schüler befassen, ohne dass im Rest der Klasse das Chaos ausbricht.

Kindgerecht und alterstypisch

Diese Form von Unterricht nimmt in erster Linie Rücksicht auf die alterstypischen Besonderheiten und Bedürfnisse, natürlich auch sozial unterschiedliche Umgebungen, aus denen die einzelnen Kinder stammen.
Mit diesem Schulsystem werden Kompetenzen und Zuständigkeiten dorthin konzentriert, wo sie hin gehören, in das Klassenzimmer und nicht in diverse flankierende Dienste, mit welchen Eltern noch nie zu tun hatten.
Mindestens 80% der Schüler können innerhalb dieser Struktur optimal gefördert werden, das ist ein wesentlicher Unterschied zum bisherigen Schulsystem. Die Schwierigkeit der restlichen 20% besteht grob gesagt darin, dass sie immer noch unter- oder überfordert sind, wobei sich dann für Letztere ein Überspringen der Klasse aufdrängt. Die Gruppe der überforderten Kinder ist komplexer. Möglicherweise haben sie tatsächlich elementare Lernschwierigkeiten, eine Beschränktheit, oder aber sie sind mit der Grösse der Klasse überfordert, müssten noch intensiver in Kleingruppen gefördert werden. Es ist nicht auszuschliessen, dass ein gut eingespieltes Team diese Problematik ebenfalls in der Griff kriegt.

Erfahrungen an Mehrklassenschulen zeigen, dass Schüler solcher Klassen im Bereiche Lernkompetenz, Sozialkompetenz, aber auch in Sachen klassischer Leistung nach sechs Jahren überdurchschnittlich gut da stehen. Wenn nun noch ein komplettes Lehrerteam dazustösst, werden diese Ergebnisse noch viel positiver sein, kein Zweifel.  Es gibt also objektiv keine Gründe, diese Form von Unterricht planerisch nicht unverzüglich an die Hand zu nehmen und falls wieder die Kostenkeule kommen sollte, verweise ich auf die vorangegangenen Kapitel, in denen dieses Argument entkräftet wurde.

Dossier Schule: Vorangegangene Beiträge

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