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Deutschland: Aussichten negativ

Heute nun hat also Moodys als Ratingagentur auch zu Deutschland Stellung genommen. Weiterhin bleibt die Bestnote, doch wird die mittelfristige Erwartung der wirtschaftlichen Entwicklung auf negativ gesetzt. Das kann angesichts der momentanen Wirtschaftslage im EU-Raum nicht überraschen. Es zeichnet sich hier ein ernsthaftes Problem ab, welches im Laufe dieses, vor allem aber 2013 sichtbar werden wird.

Der stärkste Exportmarkt Deutschlands bricht weg, das werden die Folgen der Sparbemühungen in Spanien und Italien zeigen. Die Frage ist, ob dies durch gesteigerte Exporte im asiatischen Raum und in den USA wettgemacht werden kann. Dazu zuerst eine Tabelle:

Hier wird deutlich sichtbar, dass sich die Exporte im EU-Raum deutlich und mit nachhaltigem Trend abzuschwächen beginnen. Auffallend sind zwei Spitzen in Asien und USA und es stellt sich die Frage, welche Faktoren dafür  verantwortlich sind, vor allem aber, ob diese Trends nachhaltig sein werden.

Szenario 1: Unter dem Dache Deutschlands
Die gesamte Krise führt dazu, dass der € gegenüber dem Dollar recht schwach bewertet ist. Damit steigen die Chancen, Exporte zu steigern. Ein schwacher € könnte also in der derzeitigen Situation durchaus gewünscht sein. Damit rechnen auch einzelne Wirtschaftsexperten und sie phantasieren noch weiter: Dank Euro-Schwäche werden Exporte Deutschlands nach Übersee und Asien steigen, was bewirkt, dass die Krisen-EU-Länder ebenfalls als Zulieferer von Deutschland profitieren werden. Dieser Gedanke impliziert wohl die vorgängige Umsetzung der Sparprogramme, deren Kernpunkte neben den staatlichen Privatisierungen vor allem auch Lohnkürzungen, veränderte Arbeitszeiten und Sozialverträge sind. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Arbeitsplatzkosten müssen runter, denn nur diese Zulieferer bringen dem Exportweltmeister die nötigen Konkurrenzvorteile.
Ob diese Rechnung mittelfristig aufgehen wird, wage ich zu bezweifeln, denn irgendwann muss auch der Inlandkonsum wieder anspringen und ob dies unter den jetzigen Rahmenbedingungen möglich ist, wage ich am Beispiel Griechenlands und Portugals zu bezweifeln. Jetzt aber steht vor allem Spanien an und wenn man den unmittelbaren Geldbedarf verschiedener Provinzen hört, welche nun ebenfalls über die EU Geld beantragen möchten, dann schlummern da gleich mehrere Griechenland.
Italien befasst sich derzeit erst mit den Sparprogrammen, doch ist absehbar, dass sich die Lage ähnlich wie in Spanien entwickeln wird. Nachdem bereits Sizilien eine absehbare Zahlungsunfähigkeit signalisiert hat, sind es nun verschiedene Provinzen, welche verlauten lassen, angesichts der angekündigten Sparmassnahmen, sei eine reguläre Aufnahme des Schulbetriebes nach den Sommerferien nicht gewährleistet. Dazu noch das Thema Jugendarbeitslosigkeit. Erschreckende 36%.  Wie soll da Aufschwung stattfinden? 

Szenario 2: Gesundschrumpfen
Für die multinational operierenden Konzerne der Supergau. Es hiesse, dass nationale Wirtschaftsmechanismen stärker betont würden, jedes Land versucht, seine Bedürfnisse national abzudecken, diesen Markt auch zu schützen. Denn, machen wir uns mal nichts vor: Alle grossen Industrienationen haben ihre eigenen Mechanismen, wie sie sich vor zu grosser Konkurrenz schützen und sei es nur die Auflage, dass im eigenen Lande produziert werden muss. Daneben gibt es eine Reihe von Zoll- und Steuerinstrumenten, welche ganz gezielt zum Schutze der eigenen Wirtschaft eingesetzt werden. Dazu kommt ausserdem das Schrauben am Wechselkurs und an den Zinsen. Die USA praktizieren dies seit Jahren, die EU versucht da mitzuhalten, stellt jetzt aber fest, dass der Staatenbund daran zu zerberechen droht. 
Man müsste einfach die heutige Situation objektiv anschauen und einen Blick in die Zukunft riskieren. Dazu ein nicht ganz aktueller Bericht. Er stammt aus dem Jahre 2011. Demnach wird Deutschland 2050 in der Liste der führenden Wirtschaftsnatioinen auf Rang 8 liegen. Ich meine, eine noch aktuellere, nach anderen Rahmenkriterien erfasste Studie gelesen zu haben, in welcher Indien vor China und den USA liegen wird, vor allem Indonesiens Potential nach oben korrigiert wird und Deutschland irgendwo auf Rang 10 figuriert. Das alleine ist nicht wichtig, aber: Diese Schwellenländer werden gesamthaft 60% mehr produzieren als die heutigen G7. All diese Studien wurden erstellt, als man noch nicht an ein wirtschaftliches Auseinanderbrechen der EU gedacht hat. Wie die Ergebnisse wohl heute aussehen würden?. 
Vor allem eine Frage erscheint immer zentraler: Wieviele "Globalplayer" erträgt eigentlich der Globus? Darum geht es und die gesamte heutige Weltwirtschaft zeigt, dass der Verdrängungskampf unter diesen Mammuts in vollem Gange ist. Die EU könnte ein erstes Opfer sein.

Nachtrag: Sonderlösung Schweiz ?
Interessant, wie sich die Schweiz dieser Problematik zu entziehen versucht. Sie ist selbst nicht in der EU, jedoch bilateral so gut wie voll verbandelt und treibt regen Handel. Da sie jedoch die eigene Währung beibehält, besteht die Gefahr, dass der Franken im Vergleich zum € extrem steigt, was man seit nunmehr etwa 10 Monaten mit einem 1.20 Limit im Wechselkurs zu torpedieren versucht. Lösung: Die Nationalbank kauft € im allergrössten Stil, um den Franken nicht weiter steigen zu lassen und damit die einheimische Wirtschaft zu schützen.. Alleine im Monat Mai wurden Euros für 59 Milliarden Franken gekauft und inzwischen sitzt man auf sagenhaften Devisenreserven von 364 Milliarden Franken. Woher das Geld kommt? Hmmm, aus der Presse. Schutz des einheimischen Marktes mit allen Mitteln, sind sie auch noch so riskant. Niemand kann sagen, wie das weiter gehen soll, wenn nun auch noch die Probleme mit Spanien und Italien dazukommen. 

Griechenland zurück zur Drachme - ein Prüfstein?
Das Szenario ist wieder aktuell und wird offenbar immer ernsthafter in Erwägung gezogen. Nicht von den Politikern, denn sie müssten damit ihre EU-Konzepte revidieren. Wirtschaftsfachleute sehen diese Lösung jedoch immer klarer. Somit müsste ein Staat sich weitgehend selbst neu erfinden. Ich denke nicht, dass dies unweigerlich im Fiasko enden würde. Das Kapitel EU wäre ein Ende mit Schrecken, aber darnach könnte man möglicherweise vorwärts schauen. Diese Perspektive fehlt  unter dem jetzigen Troika-Diktat für mindestens 10 Jahre. So betrachtet könnte Griechenland ein erster Staat sein, der Szenario B zu realisieren versucht und andere Staaten könnten folgen.

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