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Deutschland: Türkei aus anderer Perspektive (2)

Bildquelle Bundeswehr
Vor etwa 6 Wochen habe ich im Zusammenhang mit dem Thema Verlegung deutscher Truppen in die Türkei einen ersten Beitrag zu diesem Thema geschrieben. In der Zwischenzeit haben sich die Deutschen Soldaten dort installiert, erste Besuche des Verteidigungsministers, der Kanzlerin und der SPD-Führung fanden statt. Aufhorchen lässt nun eine Stellungnahme des Wehrbeauftragten, welcher die Zustände, unter denen die deutschen Patriot-Teams in Kahramanmaras zu leben haben, scharf kritisiert:

Die wesentlichen Vorwürfe:

  • Unhaltbare hygienische Zustände in der Unterkunft und im Hauptgebäude
  • Ungenügende Zusammenarbeit mit den türkischen Truppen
  • Kontakte zwischen türkischen und deutschen Soldaten würden unterbunden
  • Hundekadaver auf dem Gelände
  • Die Tradition der deutschen Ortsflaggen im Camp habe auf Druck des türkischen Kommandeurs abgebrochen werden müssen.
  • Harte Rempelei mit einer deutsch Feldjägerin, welche anlässlich des Besuches des Verteidigungsminsters den Verkehr habe regeln wollen.
  • Feldpost werde tage- oder wochenlang festgehalten.
  • Ausgangsradius  der Soldaten eingeschränkt
  • die gesamte Liste findet sich hier
Klarer Affront gegenüber deutschen Truppen
Es reicht nun nicht,
dies mit dem Begriff "Andere Länder, andere Sitten" zu verharmlosen. Wer die türkische Armee kennt, weiß, welche Heerscharen Hilfs- und Reinigungspersonal gerade bei mittleren und höheren Kadern eingesetzt werden, um Unterkünfte und Anlagen in blitzsauberem Zustand zu halten, was auch für die gesamte Umgebung des Areals gilt.
Es geht also um etwas Anderes und der folgende Vorfall, bisher kaum erwähnt, führt auf die Spur.

Die Paranoia vor dem Fremden
Was über Jahrzehnte in Schule und militärischer Ausbildung in die Köpfe der jungen Menschen getrichtert wurde, was heute noch in praktisch jeder bedeutsameren Rede eines türkischen Politikers offen oder verklausuliert vermittelt wird,  ist die einfachste, zugleich primitivste aller Losungen: Die Türkei hat keine Freunde, nur Feinde. Seid auf der Hut! Die Türkei muss sich selbst retten.

Das gilt für Stiftungen, welche im Lande tätig sind, umfasst Kirchen, Hilfsorganisationen, Umwelt- und Wissenschaftsprojekte anderer Universitäten und auch den Besuch von Delegationen in der Türkei, inklusive Städtepartnerschaften. 

Wer jemals Einblick hatte in die Vorbereitungen  solcher Anlässe, muss erkennen: Es besteht eine riesige Unsicherheit im Umgang mit den Fremden. Folge: Es wird ein Programm erstellt, in welchem diese Delegation oder Gruppe ab Flughafen "rundum betreut" ohne terminlichen Freiraum durch die 4 oder 5 Tage geschleust wird. Je mehr Essen und Anlässe in geschlossenen Räumen, um so besser. Es macht den Anschein, als könne man es nicht zulassen, dass sich Fremde selbst ein Bild über etwas machen könnten. Was auf den ersten Moment als türkische Gastfreundschaft wahr genommen wird, entpuppt sich als harte Kontrolle.

Im Falle des Militärs klingeln natürlich noch ganz andere Alarmglocken. Alleine deren Anwesenheit ist ja der sichtbare Beweise, dass die was haben, was der türkischen Truppe fehlt. Sonst wären sie nicht hier. Es ist also eine Fach-Dominanz, welche nicht wegzureden ist und das wiederum produziert bei Vielen das Gefühl von Über- und Unterlegenheit, womit wir wieder bei den Feinden und den Türken, welche sich selbst vor diesen schützen müssen, wären.

Ein praktisches Beispiel
Im Rahmen eines Forschungs- und Schutzprojektes wurde im Jahre 2008 von Naturschützern den verantwortlichen Behörden  ein 5-Jahres-Konzept unterbreitet, in welchem eine europäische Universität, ausgestattet mit high tec Einrichtungen, zusammen mit einer türkischen Universität das Verhalten von Meeresschildkröten während ihrer ersten drei Lebensjahre erforschen wollte. Die Finanzierung wäre über EU-Fonds sicher gestellt worden.  Nach drei Monate dauernden Verhandlungen ohne zählbares Ergebnis und einer nicht nachvollziehbaren passiven Haltung der türkischen Universität, welche nicht mal Kontakt mit den Europäern aufnahm, brachte es die zuständige Fachleiterin auf den Punkt: "Dieses Projekt ist für uns sehr heikel, denn die  Studenten, welche da kommen werden, können kein türkisch..." 

Ich verwies dann noch auf den hoch gepriesenen türkischen Englischunterricht, den ihre Studenten während 12 Jahren doch auch genossen hätten, verzichtete aber auf Grund von soviel als Arroganz kaschierter Unsicherheit und Angst auf weitere Schritte.

Genau das und nichts Anderes läuft jetzt in Kahramanmaras.  Sicherlich werden da wichtige Mängel behoben werden, kein Zweifel. Was immer bleiben wird, ist die Grundskepsis, von manchen Vorgesetzten dann eben auch praktiziert in Form von Schikane. Wenn das Beispiel mit den verschissenen Toiletten zutreffen sollte, dann handelt es sich um eine Provokation erster Güte, welche keinesfall hingenommen werden darf, an die große Glocke gehängt werden muss, denn auch das ist eine bewusste Schikane.

Noch eine Bemerkung zur Beschreibung des Einsatzgebietes: Deutsche Truppen an der syrischen Grenze. So und ähnliche lauten viele Titel und Sätze. Dem ist nicht so. Sie befinden sich Luftlinie satte 100 Kilometer von der Grenze entfernt in einem ziemlich öden  Gebiet.. Damit wird dem Einsatz gleich nochmals etwas von seiner "Dramatik" genommen. Er wird später mal als Lachnummer bewertet werden.


Nachtrag: Die Lösung des Problems könnte übrigens eine Überraschende sein. Bereits jetzt liest man in vielen Leserzuschriften"Türkeiurlaub? Nein Danke." Es braucht nun einige Reisebüros, welche Alarm schlagen, das wird in den türkischen Tourismuszeitungen aufgegriffen und der Grund benannt, worauf in kürzester Zeit eine tolle Unterkunft bereit stehen wird, man Freundschaftsessen zwischen türkischen und deutschen Truppen organisieren und darüber in allen Medien berichten wird, denn nichts geht über Wachstumsraten im Tourismus. Da setzt man sich auch mit dem "Feind" an einen Tisch, um Einigkeit zu demonstrieren. Auch das eine türkische Besonderheit.


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