Donnerstag, 17. November 2011

Plädoyer für eine neue Schule (1): Die Grundstufe


Je nach Bundesland /Kanton nennt man diese Stufe auch Kindergarten, Vorschule, Einführungsstufe etc. Hier werden Kinder, sofern sie nicht Kindertagesstätten besucht haben, erstmals in einer grösseren Gruppe zusammengefasst und müssen darin ihren Platz kennenlernen.  Ziel der Stufe ist es, die Kleinen auf die eigentliche Schule vorzubereiten, was letztlich mittels  Reife-und Einschulungstest  passiert. Bisher war es so, dass aus dieser Stufe viele Kinder mit Zusatzrezepten wie Deutsch für Fremdsprachige und weiteren Stützmassnahmen in die nachfolgende Unterstufe (1.-3. Schuljahr) eingetreten sind. Neuere Schulmodelle haben inzwischen Kindergarten und  1. Schuljahr der Unterstufe als Grundstufe zusammengefasst.  Es ist in einzelnen Modellen möglich, diese 3-jährige Phase in zwei Jahren zu absolvieren und anschliessend in die 2. Klasse der Unterstufe einzutreten. Hier ein Modell eines halbherzigen Grundstufenversuches. Halbherzig deshalb, weil in diesem Modell mit dem Halbtagesunterricht während des ersten Jahres allein erziehende Eltern vor beinahe unlösbare organisatorische Probleme gestellt werden.

Schlüsselrolle für künftige Entwicklung

Ich meine, dieser Stufe, und ich nenne sie im Folgenden Grundstufe, kommt eine entscheidende Rolle zu, wenn man sich vor Augen hält, dass
Kinder in diesem Alter von Natur aus sehr empfänglich für Neues, formbar sind und auch intuitiv sehr schnell lernen. Die Frage ist nun, ob dies kopflastig geschehen soll, oder ob Grundfähigkeiten, welche jeder Mensch mehr oder weniger ausgeprägt  besitzt,  gefördert werden.  Damit meine ich nicht Frühenglisch oder Umgang mit elektronischen Spielen, sondern Kreativität, musische und handwerkliche Aktivitäten, Bewegung, Ausdruck, Spiel, Tanz, Gestaltung.  In vielen Studien ist belegt, dass gerade diese Grundfähigkeiten mit einen entscheidenden Einfluss auf kontinuierliches und erfolgreiches Lernen haben.
Natürlich gehören Unterordnung in die Gruppeninteressen, Verantwortung übernehmen, Respekt vor dem Andern ebenso dazu wie Verwirklichung von ganz persönlichen Interessen, alleine oder gemeinsam mit ähnlich Interessierten.
Je nach Modell findet in der Grundstufe bereits eine Form von altersdurchmischtem Lernen statt, womit Kinder auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen besser aufgefangen werden können.  Es ist kein Unglück, wenn ein Kind ein Jahr länger in der Grundstufe verweilt, dann aber gut gerüstet in die Unterstufe oder das, was man Grundschule nennt, übertritt.

Deutsch als Schlüsselkriterium

Zentral finde ich auf Grund der Erfahrungen der letzten Jahre den Erwerb der mündlichen Sprachkompetenz in der Grundstufe und dies ist die Schulsprache, also deutsch. . Ich finde, das ist eine absolute Voraussetzung für den Eintritt in die Unterstufe und kann in den Folgejahren NICHT mit Einzellektionen Deutsch für Fremdsprachige abgestottert werden.  Diese Vorgabe  zu erfüllen, erfordert je nach Sozialstruktur einer Schulgemeinde ein ungeheures Mass an Flexibilität auch im Lehrkörper. Eine Lehrkraft alleine ist damit klar überfordert. Hier müssen Themennischen geschaffen werden können, welche auch personell optimal besetzt sind. Das Geld, welches hier mehr ausgegeben wird, kann man im Gegenzug in den Folgejahren mehrfach einsparen.

Grundstufe mit KITA-Strukturen

Die gesellschaftliche Situation drängt die Fusion von KITA und Grundstufe förmlich auf. Gleichzeitig eröffnen sich damit ungeahnte Möglichkeiten für die Grundstufe, welche ich hier kurz beschreiben möchte.
  • Fusion mit den KITA-Strukturen. Damit schafft die Schule ab Grundstufe eine Tagesstruktur, welche für die Kinder zentral und überschaubar bleibt, die Eltern von der weiteren Suche nach Betreuungsplätzen entlastet. Diese Struktur kann freiwillig (und kostenpflichtig)  oder obligatorisch  aufgebaut werden.
  • Mit dieser Zusammenlegung entsteht ein zusätzliches Personalpolster, welches in der Grundstufe abrufbar ist. Betreuung von Kindern in diesem Alter durch mehrere Personen ist eine unterschätzte Qualität. Es darf nicht an Zertifikaten scheitern, dass qualifizierte KiTA-Betreuerinnen neben den Klassenverantwortlichen als in der Grundstufe nicht einsatzberechtigt bezeichnet werden. Das ist Standesdünkel und hat mit der tatsächlich zu erbringenden Leistung nichts zu tun.
  • Die räumliche Nähe von KiTA und Schulzimmer würde es zulassen, dass bereits im Grundstufenalter  Kinder nach Bedürfnissen und Lücken (z.B. Sprache) gezielter und zwischendurch räumlich getrennt betreut werden können.
  • Die Betreuung einer Grundstufenklasse durch mehrere Personen ist für die Kinder eine gewaltige Erleichterung und führt zu einem völlig veränderten Klima im Zimmer. Vergessen wir nicht: Es handelt sich hier um 4 -6-Jährige, welche naturgemäss noch sehr auf Erwachsene bezogen leben. Jede Kindergärtnerin oder Vorschullehrerin kann darüber ein Liedlein singen.
  • Diese Intensivbetreuung hat zur Folge, dass Kinder sprachlich auf mehr oder weniger einem Niveau in die Grundschule übertreten, womit ein wesentliches Handicap, welches später zu Leistungsabfällen führen wird, wegfällt. Es kommen Kinder mit einem gewissen Selbstvertrauen in verschiedenste Grundfähigkeiten, welche sie auf der Grundstufe erlernen konnten – und hoffentlich nur noch ganz Wenige, welche bereits eine Krücke mitbringen, damit sie im Grundschulalltag überhaupt bestehen können und damit bereits in eine Sonderstellung geraten.
  • Die drei Jahre in der Grundstufe bringen den Vorteil, dass alle Kinder die Chance auf gleichwertige Förderung erhalten und somit mal mit denselben Grundvoraussetzungen in die Volksschule übertreten können.
Klar, das lässt sich nicht von einem Jahr zum andern  verwirklichen, zumal damit auch bauliche Massnahmen verbunden sind. Alleine die Tatsache, dass auch in realisierten Schulbauten oder Renovationen während der letzten 10 Jahre so gut wie nichts in diese Richtung geplant wurde, zeigt, wie erstarrt und unzeitgemäss die organisatorischen Strukturen im Bildungswesen inzwischen sind.

Gerade dieser „Vorschulbereich“ wurde aus meiner Sicht eigentlich immer sehr stiefmütterlich behandelt. Wenn nicht hier, wo dann haben Kinder Anrecht darauf, in ihrer Entwicklung und im Alltag kindgerecht gefördert zu werden?  Falls jemand der Meinung ist, das was heute geleistet werde, genüge, dann empfehle ich, sich einer Kindergärtnerin, einer Vorschullehrkraft für eine Woche als Assistent in einer Klasse mit 22 Kindern zur Verfügung zu stellen… 

Dossier Schule, alle bisher veröffentlichten Beiträge

Kommentare:

  1. Du hast vollkommen recht. Es waere viel besser fuer die Kinder.Momentan muss das Kind z.b Musik bereits als bezahltes Freifach besuchen. Und das obligatorische Turnen faellt fast zu 50 % aus und wird in unserem Fall auch durch das zusaetzliche Freifach Turnen aufgefangen. Das kann es doch nicht sein.

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  2. Hallo Denise

    Danke für deinen Kommentar. Ja, Vieles läuft nebeneinander her und passt doch nicht richtig zusammen, was dann den Alltag der Eltern zusätzlich erschwert. Es wäre wohl Zeit für Gesamtlösungen. Nur haben wir da noch den Kantönligeist und in Deutschland wird es dank der Schulhoheit der Bundesländer auch nicht besser sein.

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