Dienstag, 29. November 2011

Schule von morgen: Unterrichtet von Klassenlehrerteams!


Ich möchte jetzt eine Lern- und Lehrform umreissen, welche auf den ersten Blick völlig realitätsfremd und nicht realisierbar erscheint, bei genauerem Hinschauen jedoch objektiv unbestreitbare Vorzüge hat. Diese wurden  immer wieder mit dem Argument „zu teuer“  vom Tische gewischt, ohne weiter darauf einzugehen.  Stattdessen  hat man Alternativen entwickelt, welche in ihrer Gesamtheit viel teurer sind, und da  man dafür vielfach einen anderen Kostenträger gefunden hat, macht die Schule bereitwillig mit.

Weg vom 1-Lehrer-Denken, hin zum Klassen- Lehrerteam

Es ist nirgendwo begründet, weshalb die Lehrform  „ein Lehrer eine Schulklasse“ effizient sein soll. Das war einfach schon immer so und trotz Fachlehrern, methodischen Reformen, neuen Lehrmitteln etc. hat sich an diesem Dogma so gut wie nichts geändert. Dabei gibt es gerade heute viele Argumente, diese alte Struktur aufzulösen, denn:


·         -  Wenn Schule kritisiert wird, ist meistens die einzelne Lehrkraft gemeint

·       -   Klassenprobleme entstehen vielfach auf Grund einer akuten Lehrer- /Schüler-Problematik.

·     - Neue Lehr- und Lernformen lassen Frontalunterricht und kollektives, verordnetes Lernen als ein Überbleibsel aus einer andern Zeit erscheinen, dank  dem Dogma „eine Lehrkraft-eine Klasse“ lässt sich dies jedoch weiterhin als „Methode“ begründen. Diese Argumentation ist in erster Linie organisatorisch begründet und dient der Klasse überhaupt nicht.

·     -     Die gegenwärtige Struktur schafft laufend Situationen Aussage gegen Aussage, wenn es wirklich zu Konflikten kommt. Optimale Voraussetzungen für Mobbing, von welcher Seite auch immer.

·       -  Das Klassenlehrerprofil wird zum Teamprofil und ist lerntechnisch für die Klasse klar das erfolgreichere Modell.

·         -  In den letzten Jahren wurden diverse Sonderschulstufen ersatzlos aufgelöst und die dortigen Schüler unter dem Schlagwort integrative Schule in die Standardklassen überführt, ohne diese personell entsprechend auszustatten. Das war also in erster Linie eine Sparmassnahme zu Lasten der Regelklassen und Lehrkräfte.

·         - Wenn die „Chemie“ zwischen einer einzelnen Lehrkraft und einzelnen Schülern nicht stimmt, wird das durch das Team aufgefangen. Somit verlieren personifizierte Konflikte ihre Sprengkraft.

·      -    Die Zusammensetzung des Teams ermöglicht es, den Grossteil der Sonderstunden innerhalb der Klasse abzuwickeln.(Mit dem „ Klassenraum von morgen“ werde ich mich im nächsten Kapitel ausführlich beschäftigen, denn auch darüber muss gesprochen werden)

·      -   Organisatorisch kann mit diesem Modell wieder sehr autonom geplant werden, ohne dauernd an stundenplantechnischen Engpässe zu scheitern. Vor allem für Projektunterricht ein riesiger Gewinn.

Wie könnte ein solches Team zusammengesetzt sein?

a    1.   Klassenverantwortliche Lehrkraft mit mindestens 80% Pensum
b    2. Lehrkraft, welche die fehlenden Module ergänzt mit ca. 60% Pensum
3        3.Lehrkraft mit Sonder- oder Förderlehrerausbildung mit ca. 60% Pensum.

Somit wäre also eine Normalklasse der Grundschule auf 200 Stellenprozent ausgelegt. Dies gewährleistet, dass mit Ausnahme von ganz wenigen  Lektionen  mindestens zwei Lehrkräfte im Klassenzimmer anwesend sind.

Wichtig bei diesem Modell ist, dass eine Person ganz klar die Klassenverantwortung gegen aussen trägt. Dies umfasst, Verwaltung, Unterrichtsplanung, Vorbereitung (unter Einbezug des Teams) von Elterngesprächen, Organisation und Abrechnung Klassenprojekte und Lager.

Eine neue Unterrichtsqualität

Mit diesem Lehrer-Team-Modell entsteht in den Schulstufen 1 – 6 eine völlig neue Unterrichtsqualität. Dazu einige Beispiele:

·      -    Nicht jede von mir als Lehrkraft gehaltene Einführungslektion ist von Grund auf schlüssig und für jeden Schüler nachvollziehbar. Diese Kontrolle ist  durch ein Team besser gewährleistet, neuer Stoff wird durch eine zweite Lehrperson bei Bedarf nochmals eingeführt und vertieft.

·         -  Ganz neu für die Klasse: Das Team kann anlässlich einer Einführungslektion vor der Klasse kurz diskutieren, ob man noch mehr Stoff aufpacken will oder nicht, ob man dies der Klasse zumutet oder nicht usw.  Genauso bei Übungslektionen, kurzes Feedback des Teams an die Klasse. Das kriegt eine ganz besondere Qualität.

·         -     Reine Übungslektionen verlaufen bedeutend intensiver, individueller und effizienter, da dauernd Kontrolle da ist. Wieder besteht die Möglichkeit, schwächere Schüler nochmals individuell in das Thema einzuführen. Dank drei Lehrkräften ist dies möglich.

·        -  Lese- und Rechtschreibschwächen, Diskalkulie, andere Lerndefizite werden schneller erkannt und im Klassenzimmer mit den entsprechenden Massnahmen unkompliziert und ohne weiteres Aufsehen angegangen, indem qualifiziertes Personal die Schüler bereits in der Übungsphase unterstützt.

·       -   Die Chance, dass in diesen Klassen ein  wirkliches Wir-Gefühl, auch von Seiten der Lehrkräfte, aufkommt, ist gross. Damit entsteht ein neues Lehr- und Lernklima.

·         - Von den unterschiedlichen Fähigkeiten und persönlichen Vorlieben der Team-Lehrkräfte kann die Klasse nur profitieren, wird Lernen bunter und nachhaltiger.

·       -   Die Lehrkräfte sind neu gefordert, durchbrechen die Isolation im Klassenzimmer und können als Team eine ungeahnte Dynamik entwickeln. Zweifellos ist dies eine grosse Herausforderung, denn bisher waren Lehrkräfte doch vorwiegend Einzelkämpfe im Klassenzimmer.

·       -   Das enge Stundenplankorsett entfällt, da die meisten Fachlehrer bereits im Klassenzimmer vorhanden sind. Es gibt folglich pro Woche noch maximal zwei Tage, welche durch „Auswärtsstunden“ belastet  sind. Ansonsten kann man mit offenen Stundenplänen und der gesamten Klasse  arbeiten.

Nicht finanzierbar ! – Doch, ganz klar finanzierbar !

Rückblende: Was wurde noch vor 15 Jahren sondergeschult! Diese Konzepte bauten auf psychologisch/psychiatrischen Erkenntnissen auf, welche man wissenschaftlich nannte. Das alles wurde dann  ab Mitte der 90-er Jahre im Zuge der Integration weggewischt. Sonderschulung bedeutete Diskriminierung  etc.  Tatsächlich wurde jedoch vor allem an der Schule gespart, denn: Das, was eine Regelklasse nun zusätzlich aufzufangen hatte, wurde in der Personalplanung nicht entsprechend aufgestockt. Weiterhin eine Lehrkraft und wenn es gut ging eine zweite Lehrkraft für 8 oder 10 Lektionen. Das kann es nicht sein.

Stattdessen hat man nun Schulsozialarbeit, schulische Sozialpädagogen und je nach Auffälligkeit von Kindern Schulpsychologische Dienste. Flankierende Dienste, nannte man dies.  Hier werden Abklärungen getroffen und mögliche Massnahmen angeordnet. Diese sind therapeutischer Natur, können auch Fördermassnahmen beinhalten und umfassen üblicherweise eine Wochenstunde.  Je nach Diagnose sind diese Kosten nicht durch die Schule, sondern durch Versicherungen zu tragen und damit beginnt der Unfug:

Kinder mit ADS gelten  heute praktisch als krank und werden über die Krankenkasse finanziert  und therapiert. Diskalkulie und Legasthenie lassen sich mit einem entsprechenden Attest als Spätfolge von Geburtskomplikationen oder Entwicklungsstörung und demzufolge Krankheit beschreiben. Deren Behandlung lässt sich dann vielfach über die Versicherung abwickeln. Oder schon vergessen? POS, DAS undefinierte Krankheitsbild schlechthin aus den 80-er und 90-er Jahren.   Wir haben tief geschätzte 20 – 30% „kranke“ Kinder in unserer Normalklasse, deren Behandlung in Form einer Wochenstunde durch Spezialisten ausserhalb der Schule und vielfach ohne das Schul-Budget zu belasten, erfolgt. Ein völliger Unsinn!!!

Nur schon die Kosten dieser Massnahmen amortisieren bereits die 60%-Stelle der Sonderpädagogin im Klassenzimmer.  Diese wird hier jedoch bedeutend effizienter arbeiten und dank Früherkennung manche Langzeittherapie gar nicht nötig machen.  Genauso schaut es aus mit der zweiten 60%-Stelle. Wieviele Zusatzangebote im Bereiche Aufgabenhilfe bestehen eigentlich in den Schulen? Auffangstunden, Förderhilfe, Aufgabenbetreuung  in Kleinstgruppen oder in Form einer Einzelstunde etc.  Auch diese Massnahmen sind vielfach durch Schulpsychologische Dienste angeordnet und teilweise durch Kranken- oder  Invalidenkasse (in der Schweiz) finanziert. Neben der eigentlichen Schule ist hier also eine Struktur entstanden, welche mit beachtlichen Geldflüssen rechnen kann, die aber der Schule selbst fehlen.  Grundkompetenzen der Schule wurden ausgelagert und belasten dann den Alltag in dem Sinne wieder, indem einzelne Kinder in bestimmten Lektionen wegen Therapien fehlen. Dieser Unsinn sollte korrigiert werden, denn de facto ist hier eine ausserschulische Autorität entstanden, ohne welche diese Massnahmen gar nicht mehr durchgeführt werden können. Der schulische Alltag wird dadurch jedoch organisatorisch über  Gebühr belastet. Ich plädiere deswegen dafür, diese Thematik wieder in die Klassen zu integrieren. Die personelle Struktur des Dreierteams vermag dies aufzufangen und dies erst noch effizienter und mit viel grösserem Wirkungsradius.

Um diese neue Lehrform zum Tragen zu bringen sind zwei Faktoren entscheidend und darauf werde ich in den kommenden beiden Beiträgen eingehen:

1.       Das neue Schulzimmer
2.       Altersdurchmischtes Lernen (neu definiert)

Die früheren Artikel im Dossier Schule

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen