Sonntag, 18. März 2012

Türkei Cirali Abbruchbescheide: Naturschutz oder Massentourismus?


Der Ort Cirali sieht sich mit einer Flut von Abbruchbescheiden konfrontiert. Rund 100 Pensionen und Restaurants sollen innert sehr kurzer Frist abgerissen werden, da aus Sicht des Staates illegal gebaut. Das will etwas genauer erklärt sein:

In der Vergangenheit bestand ein Gesetz, wonach Land, welches dem Staate gehörte, von Privaten gegen eine kleine Entschädigung zu landwirtschaftlichen Zwecken genutzt werden konnte und nach einer bestimmten Bewirtschaftungszeit (25 Jahre) bei einem allfälligen Verkauf mit Vorzugsrecht erworben werden konnte. In diesem gesetzlichen Rahmen wurde Cirali besiedelt. Dieses Land nannte man 2B-Land.

Das sanfte Tourismuskonzept der 90-er Jahre
brachte insofern eine Änderung, als nun diese Bauern auch Gästezimmer anbieten durfte. Verschiedene Pensionen im alten Dorfteil zeigen noch heute, wie dies zu verstehen war. Da jedoch mit Tourismus mehr Geld zu verdienen war als mit der Landwirtschaft, verschoben sich die Schwerpunkte schleichend in Richtung Tourismus. Neue Investoren kamen, Familien teilten ihre Parzellen neu auf und so entstanden nach und nach reine Pensionen oder Hotels, garniert mit Obstbäumen.

Um diesem Treiben Einhalt zu gebieten, soll es von staatlicher Seite Angebote an die Bewirtschafter dieser 2B-Parzellen gegeben haben, welche jedoch angesichts sehr hoher Preise auf einen Kauf verzichteten. Daraufhin erfolgte die Umzonung der 2B-Ländereien in Wald, womit gesetzlich irgendwelche weitere Bautätigkeiten untersagt wurden. Das alles konnte nicht verhindern, dass über Jahre weitere Pensionen entstanden, bestehende ausgebaut wurden.

Die umstrittene Auszonung eines Strandabschnittes, Vermietung von 18 000 m2 Land an einen Sportclub des Waldministeriums für 5000 TL jährlich, welcher gleichentags einen Vertrag mit einem Investoren aus Istanbul im Werte von 55 000 TL unterschrieb, brachte die einheimische Bevölkerung auf den Plan, welche massiv demonstrierte, was einen vorläufigen Stopp des geplanten Projektes zur Folge hatte.

Das Waldministerium schickte Inspektoren, welche einen Bericht zu erstellen hatten und anscheinend geht es nun darum, dass da eben auch festgehalten wurde, dass nach dem geltenden Bodenrecht ein Grossteil der Pensionen Ciralis illegal errichtet und folglich abzubrechen sind. Das Ministerium wiederum sagt, es gehe darum, diese Gegend zu schützen, Wald sei Wald (obwohl man keine Tannen mehr sieht..) und folglich müssten nun nicht nur das aktuell strittige Projekt gestoppt, sondern grundsätzlich klare Verhältnisse geschaffen werden.

Die Aussage des Ministeriums, Natur- und Artenschutz habe Vorrang, kontern die die Leute vor Ort mit dem Argument, es gehe letztlich nur darum, diese Bucht für den Massentourismus zu erschliessen und da passe das Konzept Cirali nicht hinein. Deswegen werde jetzt abgebrochen, enteignet, zu einem späteren Zeitpunkt von Wald auf Tourismus umgezont und viel Geld verdient. Tatsächlich gab es schon in den 90-er Jahren Planungen, hier einen grossen Golfplatz zu errichten, dann folgte die Idee einer grossen Mülldeponie und auch 2004 wurde erneut über Hotel-Grossprojekte diskutiert.

Andererseits ist da der Investor, welcher bereits ein Hotel in Cirali besitzt. Er stellt sich auf den Standpunkt , wenn ihm diese Bewilligung nicht erteilt werde, dann sei zu prüfen, wie denn verschiedene Pensionen jahrelang in einer Grauzone arbeiten könnten, welche deutlich problematischer sei, als das von ihm vorgelegte Projekt.


Artenschutz: Massentourismus am Meeresschildkrötenstrand?
Im Wege stehen all diesen Plänen die Meeresschildkröten. Cirali figuriert unter den 20 wichtigsten Legestränden der Türkei. Der Strand und das Küsten nahe Meer sind Naturschutzgebiet. Hier gelten Auflagen wie: Besucherverbot am Strand zwischen 20 Uhr und 6 Uhr. Kein Wassersport und Motorboote dürfen sich in einem Radius von mehr als einem Kilometer lediglich mit 5 km/h bewegen. Keine Lichtquellen in Richtung Strand, was bisher recht gut gewährleistet war. Hinter dem Strand ist ein rund 200 Meter breiter Puffergürtel ebenfalls unter Schutz und mit Bauverbot belegt. So sehen es die eingegangenen internationalen Artenschutzverträge vor. Die türkische Sektion des WWF wirbt mit ihrem Engagement für Cirali, ein Konzept, das mehrfach von internationalen Tourismus- und Umweltschutzverbänden ausgezeichnet wurde.

Der Schutz der Meeresschildkröten geschieht unter der Führung des örtlichen Vereins, welcher aber weitgehend auf sich alleine gestellt ist und, abgesehen von einer Ausnahme, auch nie finanziell unterstützt wurde. Diese Problematik kann man an allen Meeresschildkrötenstränden verfolgen. Entweder handelt es sich um gut dotierte Universitätsprojekte, welche finanzielle massgeblich von Ausländern getragen werden, oder aber es sind eine Handvoll Freiwilliger, welche versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Der Staat selbst erlässt zwar sehr viele Vorschriften, doch engagiert er sich finanziell so gut wie nicht im aktiven und vor allem kontinuierlichen Schutz.

Sollten sich die Pläne des Ministeriums tatsächlich in Richtung Massentourismus entwickeln, dann stellen sich natürlich Fragen in Sachen Artenschutz und Einhaltung international eingegangener Vereinbarungen. Massentourismus und Artenschutz passen nun mal nicht zusammen.

So gesehen sind eigentlich die Meeresschildkröten der einzige Hoffnungsschimmer, an dem sich die einheimische Bevölkerung Ciralis wird festhalten können. Sie verhindern derzeit die Erschliessung für den Massentourismus. Diesem Umstand gebührend Rechung zu tragen bedeutet, dass man auch vor Ort zurückbuchstabieren muss, dass viele, in den letzten Jahren gebaute Pensionen in Meeresnähe tatsächlich abgerissen werden müssten, aber Cirali als alternative Tourismusdestination in seinem Ursprung bliebe erhalten.

Zu wünschen wäre, dass sich die türkische Verwaltung und die zuständigen Ministerien im Ausland über bestehende, äusserst erfolgreiche Artenschutzprojekte informieren und diese in der Türkei umsetzen würden. Gerade das Projeto Tamar   aus Brasilien zeigt, wie mit einer klugen Planung eine Win Win-Situation für alle Beteiligten geschaffen werden kann. (und hier die offizielle Seite)

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