Dienstag, 10. April 2012

Grass? Krass!!

Was war das für eine Osterwoche! Ein Text, bruchstückhafte Gedanken, welche viel Interpretationsspielraum offen lassen und im Kerne die politische Kritik an einer U-Boot-Lieferung Deutschlands an Israel und die Gefahr eines Erstschlages der Nuklearmacht Israel gegen die (noch nicht erwiesene) Nuklearmacht Iran mit nicht absehbaren Folgen beinhaltet. Liegt Grass sachlich richtig, oder schätzt er die Realitäten falsch ein? Darüber kann debattiert werden. Weshalb meldet er sich jetzt? Aus aktuellem Anlass der U-Boot-Lieferung oder bringt er sich ins Gespräch, weil demnächst etwas Neues von ihm publiziert werden könnte? 

In einem Interview mit den Tagesthemen beschwerte sich Grass zudem über die Gleichschaltung der Medien, der Kritik, welche ihm entgegen schlug und dabei vorwiegend die Schwerpunkte Antisemitismus und SS-Vergangenheit beinhaltete.

Einige Kritiken habe ich gelesen. Wirklich interessant, das,was da ein Herr Broder an Hasstiraden (oder kann man das anders nennen?) in der Welt auffährt oder der Literaturpapst persönlich im Interview äussert, lässt aufhorchen und zeigt zugleich auf, mit welchen Dogmen der deutsch-israelische Dialog belastet war, ist und es möglicherweise noch längerfristig bleiben wird.

Definition

Da ich nicht in Schubladen gedrückt werden möchte, zuerst dies:

Wenn ich von Israel spreche, meine ich das Land und dessen politische Führung. 
Wenn ich von Israelis spreche, meine ich die Menschen, welche im Staate Israel leben. (Etwa 7 Mio Menschen)
Wenn ich von Juden spreche, meine ich die rund 13 Mio Menschen jüdischen Glaubens.

Damit halte ich mich nicht an die vom israelischen Parlament definierte Staatsangehörigkeitsdefinition: Jude ist nach offiziellem israelischem Verständnis eine Bezeichnung einer Nationalität, weil alle Juden der Welt unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft zum jüdischen Volk gehörten. Israel ist nach  zionistischem Verständnis der "Staat des jüdischen Volkes". Quelle  Interpretiert man das etwas spitzfindiger, ist demnach jeder Mensch jüdischen Glaubens ein wandelndes Stück Israel.

Wenn nun Reich-Ranicki im Faz - Interwiew auf die Frage:"Was ist die Absicht?" (des Grass-Textes) antwortet: "Den Judenstaat zu attakieren.", dürfte ausreichend begründet sein, weshalb ich mich zuvor um Abgrenzung bemüht habe. Was meint er mit Judenstaat? Die 13-15 Mio Menschen jüdischen Glaubens, den Staat Israel mit seinen über 5 Mio Einwohnern, die politische Führung? Da ich bis heute Reich-Ranitzky als   Titan der Worte und Künstler von Wortgemälden  bewundere ( ist das jetzt Anbiederung, um eine antisemitische Torade loszulassen?....) gehe ich davon aus, dass auch das Wort Judenstaat gezielt gewählt ist, denn erst darauf aufbauend ist es möglich, politische Kritik in antisemitische Tirade umzudeuten. Diesem Terminologiediktat verweigere ich mich, denn es verunmöglicht eine Sachdiskussion im politischen Bereich.

Sachlich
Dieser Tage wird das 6. U-Boot mit beachtlicher Feuerkraft aus deutschen Waffenschmieden an Israel ausgeliefert. Das Geschäft war und ist politisch umstritten - Waffenexporte in Kriegsgebiete etc. Was es sonst noch so auf sich hat mit diesen Booten, kann man hier nachlesen.

Der Konflikt mit dem Iran, insbesondere die Frage nach der nuklearen Aufrüstung, beherrscht die Schlagzeilen seit Langem. Verhandlungen, Inspektionen, Ultimaten usw. haben wenig gebracht und es wird immer lauter darüber spekuliert, ob und wie diese Gefahr allenfalls militärisch gebannt werden könnte. Gesprochen wird von einem Präventivschlag und dass dieser durchaus von Israel ausgeführt werden könnte, ist kein Geheimnis, eine Option von mehreren.

Dazu kommen Äusserungen aus dem Iran, wonach der Staat Israel von der Landkarte zu tilgen sei und über die Harmonie zwischen Israel und seinen nahöstlichen Nachbarstaaten inklusive Türkei muss wohl nicht weiter gesprochen werden. Missgunst und Misstrauen prägen das Klima.

Grass
Da mischt sich nun einer in die Diskussion ein, der als 15-Jähriger sich freiwillig in der Wehrmacht gemeldet hat, so wie Zehntausend andere auch, anschliessend während 5 Monaten in der Waffen-SS als Lader gedient, dann verletzt und später interniert wurde. Könnte man sagen, ein Kriegstraumatisierter? Seine Werke lassen darauf schliessen. 

Gut, er ist nicht irgendwer. Literaturnobelpreisträger, politisch aktiv, auch in der Friedensbewegung. Er stellt eine einseitige Gefahrenanalyse auf, protestiert gegen deutschen Waffenexport und mögliche Folgen eines möglichen israelischen Vorprellens im Iran. Den Umkehrschluss, dass Iran Ähnliches planen könnte, blendet er aus.

Wären diese Zeilen von mir oder dir gewesen, kein Hahn hätte gekräht. Hätte Grass dieselben Zeilen zu Somalia oder Afghanistan, Korea geschrieben, so hätte man wohl zwei Tage später vergeblich nach Kommentaren gesucht.

Krass
Die Kritik eines Deutschen mit hohem Bekanntheitsgrad an Israel und Deutschland hat jedoch eine Kommentarflut ausgelöst, wobei sich viele Schreiber und Interviewpartner, sogar Staatsmänner, selbst demaskieren. (Reich Ranicki nehme ich davon aus, denn das von ihm gegebene Interview empfand ich als ehrlich, auch wenn ich einzelne Punkte kritisiere..)

Hier die Verbal- und Politkeulen:

- wer bei der Waffen-SS war, sollte vorsichtig sein, sich zu diesem Thema nicht äussern.
- steht der alte Deutsche wieder auf?
- Verfälscher seiner eigenen Nazi-Vergangenheit
- Du bist geblieben, was du freiwillig geworden bist: der SS-Mann, der das 60 Jahre verschwiegen hat.
- Einreisesperre für Grass nach Israel.
- Israelischer Innenminister verlangt Aberkennung des Nobelpreises.
- Von Grass gestiftetes Denkmal verschmiert

Mit „sich selbst demaskieren“ will ich sagen: Es gibt überall Radikale, Fanatiker. In diesem Falle äussert es sich dadurch, dass Israel und seine Politik, Militär- und Finanzhilfe für Israel, Israel und die Weltgemeinschaft etc. faktisch Tabu-Themen sind. Wer in diesen Themenkreisen kritisiert, wird unweigerlich zum Antisemiten und gleichzeitig (als Deutscher) an seine Vergangenheit erinnert. Israel ist tabu und vor allem seit 1986 dank US-Vetos im Uno-Sicherheitsrat wirkungsvoll protektioniert. Zuvor sah das anders aus.

In der jüdischen Gemeinde weltweit, aber auch in Israel mehren sich die Stimmen, dass der militärische Wettlauf nicht gewonnen werden kann, dass die Strategie der politisch Verantwortlichen zu hinterfragen ist, neue Wege im Zusammenleben vor allem zum Thema Palästina gesucht werden müssten, denn genau diese erwähnte Protektion und Bewaffnung bis an die Zähne seien eben auch nicht gerade Vertrauen bildend. Und vergessen wir nicht: Bis heute, das sind nun über 60 Jahre her, ist nicht geklärt, was mit den früheren Bewohnern des israelischen Territoriums geschehen soll. Noch heute warten sie erfolglos auf internationale Anerkennung... und bis heute befindet man sich faktisch im Kriegszustand. Eine traurige Realität.

Tabuisierung verschärft anti-israelische Trends

Diese Problematik ist nicht neu, und sie flammt immer wieder auf, wenn diese Tabu-Karten gezogen werden. Manchmal kriegt man auch den Eindruck, das sei eine gesuchte Konstellation, um einer wirklichen Diskussion auszuweichen. Das gängige Muster: Kritik am Staate Israel = Angriff auf die jüdische (religiös interpretiert) Gemeinschaft=Antisemitismus="und ihr wisst, das hatten wir alles schon einmal, also haltet  die Klappe, oder habt ihr Hitler schon vergessen?". Ja, diese Diskussion ist soooo nur in Deutschland möglich.

Wie weit man damit in 60 Jahren gekommen ist, können wir mitverfolgen. Ein Land in Dauerbelagerung, manchmal in Dauerbeschuss, manchmal vom Untergang bedroht. Es gibt keine hoffnungsvolle Perspektive, oder sehe ich sie nicht?

Und nochmals: Ich spreche vom israelischen Staat, nicht von der jüdischen Glaubensgemeinschaft und diesen letzten Begriff habe ich mit Bedacht gewählt.



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