Sonntag, 30. September 2012

Neue Bundesländer: Studien über Studien (1)

Grafik wikipedia
Nach sechs Wochen Aufenthalt im Raume Aschersleben Hettstedt erlaube ich mir, das Thema "Visionen für eine Zukunft in den neuen Bundesländern" aufzugreifen. Anlass sind eine Menge Studien, welche während dieser Zeit durch die Medien verbreitet wurden und von denen ich einige titelmässig aufgreifen möchte:

Es wäre toll, wenn in dieser Untersuchung auch der Umstand erwähnt würde, dass Sachsen-Anhalt beispielsweise mit der bundesweit höchsten Anzahl an Firmenpleiten konfrontiert ist und in den letzten 12 Monaten gerade die Solarindustrie schwere Rückschläge zu verkraften hatte.

Andere Studie, andere Ergebnisse.

Verglichen werden die Arbeitslosenzahlenvom  Sept. 1995 und Sept.2012.
Rückgang in Sachsen-Anhalt von 20,6 % auf 10,8%. Sieht toll aus, zahlenmässig. Kein Wort darüber, dass die Bevölkerung Sachsen-Anhalts von 2,9 Mio im Jahre 1990 um 550 000 Personen auf 2,35 Millionen im Jahre 2010 abgenommen hat? Kein Wort darüber, dass es sich bei den Abwanderern zum grossen Teil um Menschen im erwerbsfähigen Alter gehandelt hat, welche nun auch ihre Kinder in andern Bundesländern gross ziehen? Zahlenmaterial und Prognostik

Bevölkerungsprognostik bis 2060
Planungsgrundlagen bilden häufig Studien oder Prognosen, bezüglich der zu erwartenden Einwohnerzahlen, hier wiederum für alle Bundesländer aus Wikipedia. Demnach reduziert sich die Bevölkerung Sachsen-Anhalts im günstigsten Falle um knapp 40%, im ungünstigsten Szenario um über 50%. Das nennen wir dann Planungsgrundlagen und darauf abstützend wird reorganisiert, zentralisiert, optimiert, alles auch untermauert mit Sparpotential, Rentabilitätssteigerung usw. usw. 

Sind wir uns bewusst?  Hier wird über einen Zeitraum von zwei Generationen gesprochen! 
Wir erkennen: Es handelt sich  um ein existenzielles Problem der neuen Bundesländer, welches sich aber auch in Gesamtdeutschland bemerkbar machen wird. Da stellt sich schon die Frage, ob es denn politisch nicht machbar ist, diesen Trend nachhaltig zu brechen. Bei der Wirtschaft funktioniert es ja bestens. Deutschland boomt, der Rest Europas kämpft ums Überleben....

Neue Slogans, vor allem aber Anreize müssen her: Kinder kriegen und aufziehen muss sich wieder lohnen. Allererste Priorität, oder aber wir schaffen uns als Gesellschaft ab. Ohne Fachkräfte kann man sich auch Sprüche wie "Arbeit muss sich wieder lohnen" ans Bein streichen.  So einfach ist das. Zum Nulltarif ist dies aber nicht zu haben und diesbezüglich wieder zurück zum Thema neue Bundesländer.

Es gibt nämlich noch ganz andere Erkenntnisse !

1. Die Abwanderung von rund 2 Mio meist arbeitsfähigen Menschen in die alten Bundesländer hat dort sowohl wirtschaftlich wie demographisch für eine Blutauffrischung gesorgt. Das ist ein wesentlicher Grund für den statistisch positiven Trend der alten Bundesländer, respektive die Tatsache, dass die negativen Trends erst später einsetzen werden. 

2. Um so krasser ist die Folge in den neuen Bundesländern, wo das Alterssegment 30 - 50 in vielen Regionen massivst weggebrochen ist, natürlich mit den entsprechenden Auswirkungen auch und vor allem auf die Geburtenzahlen.

3. Indem es politisch einfacher ist, von Arbeitnehmern und nicht von Industrien Mobilität zu verlangen, hat man es in 20 Jahren verpasst, neue, tragfähige Wirtschaftsstrukturen in den neuen Bundesländern aufzubauen. Vielfach war der Aufbau-Ost ein willkommenes Zusatzgeschäft für Firmen West. Wo sind diese Unternehmen heute?

4. Sämtliche ehemaligen Zentren der DDR mit Ausnahme von Dresden und Potsdam weisen auch über 20 Jahre nach der Wende eine negative, teilweise krass rückläufige Bevölkerungszahl auf. Der Trend ist also keineswegs gebrochen, wenn man glaubt, Zentren müssten gestärkt werden. Zentren brauchen auch ein Umfeld und wo dieses nicht vorhanden ist, kann man nicht mehr von Zentrum, allenfalls von subventioniertem Kunstgebilde sprechen. 

5. Bundespolitisch besteht also in Sachen neuer Bundesländer das Problem der Nachlassverwaltung - man erlaube mir diesen krassen Ausdruck. Die wirtschaftlich lukrativen Rosinen sind gepflückt und grosse Infrastrukturprojekte  zum grossen Teil abgeschlossen. Nun sollten doch die "Neuen" endlich selbst gehen. Temporär funktioniert das sogar, vor allem im Dienstleistungssektor, insbesondere Betreuung Betagter. Auch das nochmals ein durchaus attraktives Geschäft auf Zeit. Solarindustrie war ein Hoffnungsschimmer, inzwischen kaufen hier die Chinesen Firmen auf, weil die Spielregeln geändert, die Betriebe pleite gegangen sind. 

6. Doch, und darauf ist besonders zu achten: Es gibt  die jungen Menschen, welche vorwärts schauen. "Es ist so wie es ist, machen wir das Beste daraus". Kleingewerbe, private Dienstleister, Handwerker. Sie leben hier, bauen sich vielfach in kleinen Dörfern und Städten was auf, sind aber darauf angewiesen, dass dieser Ort eine Infrastruktur aufweist, in und dank welcher man leben kann, nennen wir das mal Lebensqualität und Einzugsgebiet.  Ansonsten ist der Platz weder für Familien noch Kleinunternehmer attraktiv, stirbt aus.

Dieses Spannungsfeld und einige Gedanken dazu werden im nächsten Beitrag im Zentrum stehen.

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