Donnerstag, 4. Oktober 2012

Neue Bundesländer (2): Gegen den Trend


Bestimmt kommt Ihnen folgender Text bekannt vor: „Mit der Schließung der Schule (des Bäckers, der Post, des Restaurants, der Bank usw. Usw.) stirbt auch ein Stück Dorf.“ Falls nicht, lohnt es sich, diesen Satz einzugoogeln, um dann festzustellen, wie häufig er in denTagesaktualitäten Verwendung findet. Was wie eine weinerliche, rückwärts gerichtete Aussage klingt, ist eine harte, unbestrittene Tatsache. Ein Verlust von Lebensqualität und Attraktivität eines Wohnortes. Das lässt sich nicht wegreden.

Gleichzeitig wird jedoch auch sichtbar, dass diese Thematik keineswegs einfach auf die neuen Bundesländer beschränkt ist, sondern bundesweit in vielen Regionen anzutreffen ist. Es geht im Wesentlichen darum, dass im Zuge von Verwaltungsreformen, oft auch mit dem Vorwand des Kostendruckes oder der Personalknappheit, Dienste regional zusammengelegt, gebündelt werden.

Besonders krass hat diese Entwicklung natürlich die neuen Bundesländer getroffen,

deren ländlichere Gebiete auf Grund einer massiven Abwanderung eigentlich seit 15 Jahren von einer Gemeinde- und Bezirksfusion in die nächste stolpern. Auch wenn dies organisations- , verwaltungstechnisch und budgetmässig Sinn machen mag, müssten zwei Faktoren berücksichtigt werden, bevor man sich zu solchen Schritten entschließt:


  1. Das, was als so genannte Kostenersparnis ausgewiesen wird, mag buchhalterisch für die Verwaltung zutreffen, ist jedoch vielfach eine Umschichtung von Kosten von der Verwaltung auf den Bürger, welcher nun größere Wege zu bewältigen hat, deutlich mehr Zeit aufwenden muss. Dazu kommen komplexere Entscheidungsabläufe und Interessenkonflikte, wenn es um die Anliegen einzelner Dörfer geht.
  2. Daran gekoppelt ist ein Umdenken im Kopf der Betroffenen. Für viele Bürger sinkt der Grad der Eigenverantwortung und der aktiven Teilnahme am Ortsgeschehen dann, wenn der Bürgermeister dank Gebietsreform zum Ortsvorsteher mit recht beschränkten Vollmachten wird, wenn man sich „fremd bestimmt“ fühlt. Was dann noch als „verbindend“bleibt, sind die Ortsvereine, welche wiederum davon abhängig sind, dass auf Grund einer gesunden Bevölkerungsstruktur ausreichend Neuzugänge erfolgen. Gerade das ist jedoch laut Entwicklungsprognosen nicht der Fall.
Alles steht und fällt also mit der künftigen lokalen Bevölkerungsentwicklung und NICHT mit der regionalen oder überregionalen Verwaltungsreform.

Mikro vor Makro !
Ich verzichte jetzt auf das Zitieren eben so vieler Studien aus dem Bereiche Regionalentwicklung, Gemeinwesenarbeit, in welchen wissenschaftlich unbestritten dargelegt, gelehrt und begründet wird, weshalb wirkliche, einschneidende Veränderungen immer von unten nach oben, vom Kleinen zum Großen erfolgen, dieses Prinzip die größte Nachhaltigkeit aufweist, sofern genügend Spielraum im Organisatorischen und Finanziellen da ist. Ein Hinweis auf die Richtigkeit sei am Beispiel der vielfältigen Aktivitäten aller noch intakten Dorfvereine erlaubt. Deren jährliche Dorffeste, die regelmäßigen Aktivitäten innerhalb des Vereins, sind das Elixier, welche den Kitt, die Identität , das Zusammengehörigkeitsgefühl im Mikro und weit darüber hinaus bringen. Bluten diese Vereine aus, entsteht ein gefährliches Vakuum, droht die Versenkung oder der Verlust von Identität.
Was dann bleibt, ist das, was wir in größeren Zentren Schlafsiedlung nennen, im Falle der kleineren Orte ist es die Transformation von Wohnort zur Alterssiedlung auf Zeit, allenfalls noch Wochenendtreffpunkt.
Folgerichtig sind also nicht die verwaltungstechnischen Reformen, welche sich an der Prognostik 2030 orientieren, entscheidend dafür, ob sich an dieser Bevölkerungsprognostik in den kommenden 20 Jahren etwas ändert. Vielmehr werden es die Entwicklungen im Mikro-Bereich, in den ländlicheren Regionen, den Dörfern und Kleinstädten sein. Sie bilden die Grundlage dafür , dass auch größere Zentren ihren Einzugsraum haben und somit überlebensfähig bleiben oder werden. Was also ansteht, ist ein Kampf mit dem Brecheisen gegen die Entwicklungsprognostik bezüglich der Bevölkerungsentwicklung in den ländlichen Gebiete.

Verantwortung für den unmittelbaren Lebensraum übernehmen!
Wem nun die folgenden Gedanken zu simpel erscheinen, der möge sich geistig damit befassen, als Familienvater mit einer vierköpfigen Familie einen Wohnortswechsel zu planen. Im Weiteren sollten eigentlich Verwaltungsreformexperten und Regionalplaner dazu verknurrt werden, mindestens ein Jahr in der Region gelebt zu haben, über welches sie eine solche Studie aufbauen. Dann, so denke ich, sind die folgenden Argumente und Gedanken schlüssig:
  • Wenn der Betreiber der einzigen Bäckerei ( Fleischerei, Lebensmittelgeschäft, Restaurant, anderer Dienstleistungsbetriebe) sich entschließt, altershalber seine Aktivitäten einzustellen, dann ist das sein gutes Recht. Gleichzeitig kann es aber auch prioritäres Anliegen für das Dorf werden, gemeinsam mit dem Besitzer zu überlegen, wie kann man diesen Betrieb wieder zum Leben erwecken. Ein Dorf sucht „seinen“ neuen Bäcker. Für ein Ehepaar, welches etwas kürzer treten möchte oder ein junges Existenzgründerehepaar kann dies ein verlockendes Angebot sein – sofern sie irgendwie an diese Info kommen und man ihnen für den Start interessante Bedingungen (Staffelmiete etc.) anbieten kann. Denn: Der Wert dieser Angebote wird uns erst bewusst, wenn sie nicht mehr vorhanden sind. Im Falle eines Wohnortsentscheides spielen sie jedoch für die junge Familie eine entscheidende Rolle.
  • Dazu gehört auch der Umgang der Behörden mit gemeindeeigenen, leer stehenden Immobilien (alte Schulen, Gasthöfen mit Gemeindesaal und Fremdenzimmern, LPG's etc.). Natürlich ist es verlockend, solche Objekte angesichts knapper Finanzmittel zu veräußern. Geschieht dies aber nicht Zweck gebunden, wird Infrastruktur zerstört, welche möglicherweise Jahre später für viel Geld wieder errichtet werden muss. Auch hier ist den Gemeinden zu gratulieren, welche diese Objekte nicht für einen Appel und Ei verkaufen, sondern interessierten Betreibern zu guten Startbedingungen zur Verfügung zu stellen. Standortmarketing im Kleinen.
  • Krasse Lücken in der Bevölkerungsstruktur können ein wenig verändert werden, indem kontrolliert Bauland erschlossen und jungen Familien zu Vorzugsbedingungen angeboten wird. Diese Maßnahme bewirkt, dass ein Ort auf Grund der ungewöhnlichen Altersstruktur nicht innerhalb von 20 Jahren zusammenklappt. Damit erreicht man außerdem für die Zukunft einen atypischen Generationenwechsel auf den Wohnobjekten, kann also kurzfristig die grossen Dellen bei den Schülerzahlen etwas ausgleichen.
  • Behörden und insbesondere das Bildungsministerium müssen sich der Frage stellen, welches Modell, Mikro oder Makro, auf Dauer nachhaltiger, vor allem aber volkswirtschaftlich mittelfristig Wert schöpfender, qualitativ besser und bezüglich allgemeiner Lebensqualität hoch stehender ist. Damit komme ich wieder zur lakonischen Aussage:“Geht die Schule, stirbt ein Stück Dorf.“ Ja! Die Realität zeigt: Es gibt keinen anderen Besitzstand eines Ortes, um welchen die Einwohner so erbittert und engagiert kämpfen, wie die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder im Alter von 4-12 Jahren. Dieser Kampf ist logisch und mehr als gerechtfertigt.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass, auch unter dem Dache regionaler Verwaltungsstrukturen, das Engagement der Ortsbevölkerung, der Vereine und Initiativen DIE entscheidende Rolle spielen werden, ob sich ein Ort weiter entwickelt oder nicht. Dorf bleibt Dorf. Gepaart mit der Einsicht, dass Neues für das Dorf von existentieller Bedeutung ist, sind verschieden Orte schon sehr interessante Wege gegangen.

Getrennt davon spielen Schulplaner und Bildungsministerien als Schulträger in dieser Frage eine zentrale Rolle. Diese erscheint mir sooo wichtig, dass ich in meinem dritten und letzten Beitrag ausschließlich darauf eingehen werde.

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