Montag, 3. Dezember 2012

Türkei: Fragen zur wirtschaftlichen Perfomance (2)

Es ist üblich, Volkswirtschaften an bestimmten Eckwerten wie BIP, Aussenhandelsbilanz, Arbeitslosenstatistik, Inflation usw. zu messen. Auf Grund dieser Angaben wird die Volkswirtschaft als stabil, prosperierend oder labil bewertet. Man müsste also annehmen, dass diese Werte auch seriös überprüft, respektive hinterfragt werden, denn die jüngste Vergangenheit zeigt, dass  in der Vergangenheit  nicht hinterfragte nationale Angaben für manches Problem innerhalb der EU verantwortlich sind.

Staatliche Programme als Wachstumsmotor
Wenn wir mal von den grossen Ballungszentren Istanbul-Izmit, Izmir, Konya, Kayseri etc. absehen, in welchen seit Jahren ein Bauboom beängstigenden Ausmasses stattfindet, in welchen auch private Firmen involviert sind, so muss gesagt werden, dass der Rest der Bauaktivitäten zu einem wesentlichen Teil durch staatliche Steuerung oder halbstaatliche Organisationen stattfindet.
Dabei ist positiv zu erwähnen,
dass der türkische Staat vor allem im Sektor Infrastrukturen (Autobahnen, Flughäfen, Hochgeschwindigkeitszüge) gewaltige Projekte realisiert hat und weitere umzusetzen plant. Viele dieser Vorhaben werden jedoch so ausgeschrieben, dass für den Staat keinerlei Kosten anfallen, indem der Bauherr gleichzeitig das zeitlich beschränkte Betriebsrecht für diese Anlage erhält und mit den erzielten Einnahmen Baukosten und Firmengewinn erzielt. Anschliessend fällt die Anlage an den Staat, welche die  Betriebsrechte und zu tätigende Investitionen erneut meistbietend verkauft. So werden beispielsweise viele Flughäfen, Marinas, neuerdings Autobahnprojekte, AKW's, Wasser- und Thermokraftwerke sowie Hochgeschwindigkeitsverbindungen geplant. Der Staat ist in diesen Fällen also der Dealer, welcher Profit orientiert arbeitet. 

TOKI, der grösste Immobilienhändler der Türkei.
Mit über rund 600 000 realisierten Wohnungen im Zeitraum 2004-2012, inzwischen auch diversen Universitäten, Schulen, Industriekomplexen, neuerdings auch touristischen Anlagen, ist das Amt für  Sozialen Wohnungsbau  (englische Seite anklicken!) der mit Abstand grösste Player im Immobiliensektor. Dabei profitiert diese Behörde gleich doppelt: Sie gelangt auf Grund staatlicher Umzonungen oder grosser Konkursverfahren immer wieder in den Besitz staatlichen Landes zu Vorzugsbedingungen, welches dann selbst oder aber Profit und Projekt orientiert meistbietend auf dem freien Markt ausgeschrieben wird. 
Diese enorme Bautätigkeit hat natürlich zu einer Ankurbelung der flankierenden Industriezweige beigetragen, denn all diese Wohnungen wollen eingerichtet sein. 
Gebaut werden diese Komplexe übrigens wieder nach dem Ausschreibungsverfahren. TOKI macht die Vorgaben und dann kriegt die Firma mit dem besten Angebot den Zuschlag. Hier die Liste der momentan hängigen Ausschreibungen. Dazu gibt es einen interessanten Hinweis: Wenn nun also ein Generalunternehmer beispielsweise 900 Wohnungen für 33 Mio TL errichtet, diese schlüsselfertig zu übergeben hat und der Staat die Wohneinheit zu einem durchschnittlichen Preis von mindestens 60 000 TL verkauft...., dann darf mit Fug und Recht nach dem Sinne des "sozialen Wohnungsbaus" gefragt werden.
Dass man dabei schon längst vom Gedanken des Sozialen Wohnungsbaus abgekommen ist, kann man daran erkennen, dass diese, vermeintlich staatlich geförderten Sozial-Wohnungen bereits ein Jahr nach Bezug wieder verkauft werden können. Vielen bleibt aber auch keine andere Wahl, denn die Amortisation über beispielsweise 180 Monate ist an den 6-monatige Inflationsindex gekoppelt. Da die Inflationsrate deutlich höher ist als die Lohnzuwächse, sitzen schwach Verdienende auf immer grösser werdenden Schulden-Bergen.

Inflation
Zuerst eine offizielle Statistik mit den Jahresinflations-Raten der Türkei. Hier rätseln auch inländische Finanzexperten, wie wohl der Warenkorb zusammengesetzt sein könnte, dass man auf derartige Zahlen kommt. Dazu einige Beispiele aus 2012: Die Treibstoffpreise (Benzin, Diesel, Gas) sind in diesem Jahr um mehr als 15% gestiegen, die Flüssiggas-Preise um rund 30% und soeben wurde bekannt, dass Botas, der grosse Gasimporteur, seit letzter Woche den Energieversorgern erneut einen Preisaufschlag von 35% berechnet. Der Energieminister betont, dass diese Aufschläge für die Konsumenten im Dezember nicht wirksam würden... Na dann eben im Januar, verbunden mit entsprechenden Aufschlägen auf Strom, denn noch immer wird ein Grossteil der Energie mit Gaskraftwerken erzeugt.
Die meisten Wohnungen in der Türkei werden mit Klimageräten gekühlt und beheizt. Gekocht wird ausschliesslich mit Gas. Die Gewerkschaften haben errechnet, dass auf Grund der gestiegenen Energie- und Gaskosten alleine in diesem Bereich im Winter pro Haushalt über 100 TL monatliche Mehrkosten anfallen würden. Dies bei einem gesetzlich garantierten Grundlohn von 912 TL brutto, knapp 700 TL netto. Nicht einberechnet sind die Folgekosten (teurere Lebensmittelproduktion, massiv höhere Transportkosten usw. usw.) Wir sprechen also neben der Inflation auch von einem gravierenden Kaufkraftverlust.
Seltsam nur: Am 16.10.2012 kostete bei BP ein Liter bleifrei 4,92 TL, gegenüber 4.34. qm 8.12.2011.. Ein Hauptgrund für diesen massiven Aufschlag von rund 60 Kurus war, dass der Staat rund 40 Kurus höhere Treibstoffzölle einforderte. Heute, am 3.12. ist der Liter für 4.62 erhältlich und es ist anzunehmen, dass das bis Ende Monat auf tiefem Niveau bleiben wird. Nun die Frage: Ist Treibstoff jetzt statistisch preiswerter oder teurer geworden? So geht es mit vielen Produkten und die Frage teurer oder preiswerter stelle nicht ich, sondern das sind türkische Journalisten, welche diesen statistischen Spielereien zutiefst misstrauen, denn: Über ein Jahr gesehen, haben sich die Lebenshaltungskosten, basierend auf den Grundbedürfnissen einer türkischen Familie um mindestens 30% verteuert. 

Tourismus
Hier klaffen Statistik und Realität auch in den Augen der Tourismusschaffenden krass auseinander. Innerhalb eines Jahres wurde der Schlüssel, wieviel ein Tourist durchschnittlich in der Türkei ausgebe, zweimal geändert nach oben korrigiert. Demzufolge hat die Türkei Im Jahre 2011 laut statistischem Amt mit 32 Millionen Touristen rund 17 Mia Dollar Einnahmen erzielt. Diese Zahl basiert auf durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben von 568 Dollar. Niemand kann jedoch erklären, wo und in welcher Form Touristen diese Beiträge ausgeben, da ja über 80% der Feriengäste preiswerte AI-Angebote buchen, im Kontingentpreis für die grossen Reiseveranstalter um 40€ pro Kopf AI-5 Sterne zu haben..Das sind jedoch keine Einnahmen, denn  Hoteliers und Tourismusfachleute beklagen gleichzeitig einen Preiszerfall bei extrem steigenden Grundkosten der Hotels (siehe Inflation). Trotzdem weist also das statistische Amt 17 Mia Dollar Einnahmen aus dem Tourismus aus.
Noch interessanter ist jedoch die Statistik für die rund 4,8 Mio Türken, welche im Ausland leben und in der Türkei Urlaub, respektive Familienbesuche machen. Der Statistik zufolge geben diese pro Kopf 1082 Dollar in der Türkei aus, was mit zusätzlichen "Deviseneinnahmen" von 5,2 Mia Dollar zu Buche schlägt.. 
Wo und wie ist wiederum umstritten, denn andere Untersuchungen haben ergeben, dass diese entweder Pauschalurlaub wie die Europäer buchen und ansonsten bei ihren Familien und deren Ferienwohnungen leben. Dazu kämen noch die Türken, welche beispielsweise zuerst ihre Familien besuchen und dann (häufig ebenfalls via Europa reserviert) für eine oder zwei Wochen AI-5 Sterne buchen.
Daneben wird weiterhin kräftig Tourismus subventioniert: In den ersten 9 Monaten 2012 hat man 2,8 Mia TL Tourismuskredite für neue Komplexe mit 42 000 neuen Betten erteilt, macht pro Bett 66 666 TL oder 37580 Dollar... Mit derartigen Kreditlinien wird bauen zum Geschäft...

Teuerung + Kaufkraftverlust = Konsumwachstum ????
Auf diese Frage lässt sich das gesamte türkische Brutto Inlandsprodukt (BIP) reduzieren. Betrachtet man die Statistiken, dann wird genau diese Antwort gegeben: Ja! Konsumwachstum!

Wie diese Gleichung im Detail ausschaut, werde ich im letzten Beitrag etwas genauer darlegen. 

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