Sonntag, 8. Januar 2017

Türkei: Fragezeichen zum Putsch vom 15. Juli 2016

Akar, Erdogan, Fidan im November 2016
Weiterhin überzieht ein Beben als Folge des Putsches vom 15. Juli 2016 die Türkei. Rund 100 000 Personen wurden aus ihren Ämtern entfernt. Weiterhin finden Säuberungen im großen Stil statt und es vergeht kein Tag, an welchem nicht irgendwelche Neuigkeiten über das Gesetzesblatt erlassen werden. Darüber wird auch regelmäßig in der deutschsprachigen Medienlandschaft berichtet. Was untergeht ist folgender Sachverhalt:

Ein unheimliches Trio

Am Abend des 15. Juli erklärten Staatspräsident Erdogan und Ministerpräsident Yildirim übereinstimmend, dass sie von den zuständigen Stellen  (MIT und Armee) keinerlei Infos zu einem bevorstehenden Putsch erhalten hätten. Das Bild zu diesem Text stammt vom November 2016, also 5 Monate nach dem Putsch. Neben Erdogan stehen zwei Personen, welche zum Zeitpunkt des Putsches die zentrale Rolle schlechthin hatten - und heute weiterhin diese Funktionen bekleiden:

Der Herr links im Titelbild ist Hulusy Akar, seines Zeichens Oberkommandierender der Streitkräfte, welcher bereits am frühen nachmittag vom Chef des militärischen Geheimdienstes über ungewöhnliche Truppenbewegungen informiert war. Daraufhin wurde ein generelles Startverbot für Militärmaschinen erlassen. Die Generalität bereitete sich zu großen Teilen für die Teilnahme an einer Offiziershochzeit vor, an welcher sie auch teilnahm und dort von den Putschisten (welche eigentlich erst gegen drei Uhr nachts putschen wollten....) festgesetzt wurden. ..und alles auf Video festgehalten!!!


Der Herr rechts heißt Hakan Fidan war und ist weiterhin Chef des militärischen Geheimdienstes MIT. Er hat im späteren Nachmittag - nach Verteilung einer Ein-Satz-Meldung an die "zuständigen Stellen", sein Büro verlassen und war während der Putschzeit im Auto irgendwo zwischen Istanbul und Antalya unterwegs.

Laut Darstellung Erdogan/Yildirim haben weder Akar noch Fidan Ministerpräsidenten oder Staatspräsidenten informiert, auch nicht deren Büros. Mit Recht fragen also Oppositionspolitiker und Presse, was denn da gelaufen sei und ziehen folgende Schlüsse:

Version a): Yildirim  und Erdogan waren sehr wohl auf dem Laufenden und haben die "Putschisten" gemeinsam mit MIT und Militärführung ins offene Messer laufen lassen, um dann einen Putsch von oben auszulösen.

Version b): Akar und Fidan haben trotz der offensichtlichen Brisanz  "Dienst nach Vorschrift" gemacht und wären damit Hauptverantwortliche dafür, dass dieser Putsch überhaupt stattfinden konnte, somit ganz klar festzunehmen und anzuklagen.

Auch der Untersuchungsausschuss wollte diesbezüglich Klarheit und lud die beiden zentralen Figuren vor. Allerdings wurde beschieden, eine solche Vorladung müsse ans Ministerpräsidium geschickt werden. Dort wurde das Ansinnen prompt abgelehnt. 

So betrachtet, spricht das Bild vom November 2016 Bände.

Die Nr. 4 : Adil Öksüz

Adil Öksüz war zum Zeitpunkt des Putsches Kommandant der 4. Luftwaffenbasis  Akinci nahe bei Ankara, welche bezgl. Flugunterstützung der Putschisten eine Rolle spielte.

Er wurde am 16. Juli 2016 verhaftet und zusammen mit 98 anderen Festgenommenen dem Haftrichter vorgeführt. Als zweitletzte zu prüfende Person dieser Gruppe  wurde er am 17. Juli um 06:30 freigelassen. Grund: Er war im Zuge der Vorabklärungen zuerst als Militärperson, beim haftprüfenden Richter als Zivilist mit fester Wohnadresse definiert worden. Das bedeutet: Innerhalb von 20 Stunden erkannte niemand den Kommandeur dieser Luftwaffenbasis, umgeben von Verhafteten genau dieser Basis.  Das Bild wiederum zeigt auch einige Besonderheiten, was die Behandlung von Öksüz im Vergleich zu seinen Mitgefangenen betrifft.

Adil Öksüz ist seit dem 17. Juli um 06:35 spurlos verschwunden. Er ist als Terrorist und "Imam Gülens" international ausgeschrieben, doch scheint, abgesehen von der Opposition, niemand richtig daran interessiert zu sein, den Mann aufzugreifen. Eine Geschichte voller Ungereimtheiten-heute als Bestandteil des Putsches dargestellt.

Erdogans aktueller Lösungsversuch dieser Problematik

Vor zwei Tagen wurde bekannt, dass Türken, welche zu Vernehmungen in der Türkei aufgerufen sind und diesem Aufruf nicht folgen, ausgebürgert werden. Daraus ergibt sich eine neue tolle Perspektive für Erdogan:
Die Türkei ist gesäubert, alles ist gut, das böse Ausland hingegen beherbergt und unterstützt die Terroristen und Putschisten und ist somit letztlich für den Putsch vom 15. Juli verantwortlich.  Diese Karte werden er und seine sehr gut organisierten Anhänger im In- und Ausland also weiterhin als Joker spielen.

.... und die drei Herren oben im ersten Bild sind demzufolge Opfer.... 
Die Lieblingsrolle Erdogans.

... wäre da nicht die Entlassung weiterer über  8000 Staatsbediensteter in der Nacht vom letzten Freitag, auf Samstag.  Der Putsch geht also weiter...

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