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Heute ein Tourist - morgen 1000 Touristen (1)


 Ich erinnere mich noch sehr gut. 1998 Frühjahr in Anamur. Regelmäßiges Ritual: Tourismuswoche im April. Große Reden und viele Plakate. 

Auf Einem stand: Heute 1 Tourist  morgen 1000 Touristen.  

Der Slogan hat mir gefallen. Die Annahme der wundersamen Vermehrung von Touristen besteht darin, dass ein zufriedener Gast der beste Werbeträger ist. Das ist auch richtig, bedarf aber der konsequenten Umsetzung im Sinne von: Der Gast ist König.  Für viele selbst ernannte Hotelbesitzer war aber klar, wer der König ist... Trotzdem: Bis heute wird der Spruch jedes Jahr hervorgekramt.  

Anamur, touristisch gesehen

Der Traum, eine Hochburg wie Alanya zu werden erfüllte sich nicht. Die anfangs der 90-er Jahre gebauten Hotels hatten immer mehr Investitionsbedarf. Die notwendigen Mittel ließen sich jedoch nicht aus den 3 Monaten türkische Sommerferien erwirtschaften.  Immer mehr Hotel kamen in Bedrängnis weil daneben Kooperativen im großen Stile Ferienwohnungen bauten, welche dann von den Besitzern wiederum an türkische Freunde vermietet wurden. Das einzige Mittel, an Gäste ranzukommen, waren noch Dumpingpreise, reduziertes Leistungsangebot und dementsprechend schlechte Referenzen durch die Gäste.  Genau das Gegenteil der propagierten Vision. 

Ab 2008 Vernetzung

Es war ein besonderes Ereignis, irgendwann im Herbst 2007. Ein gutes Dutzend Hoteliers und Pensionsbesitzer trafen sich gemeinsam im Hotel Ünlüselek.  Ziel der Veranstaltung: Die Betriebe Anamurs müssen im Internet bei den einschlägigen Ferienanbietern (booking.com , tripadvisor etc.) eingetragen sein. Nur auf diesem Wege kommen wir an das Segment europäische Touristen, haben wir praktisch unbezahlbare Werbung für die Region. Vor allem aber kriegen interessierte Urlauber eine Auswahl von verschiedenen Unterkünften, . Ein  wichtiges Kriterium , überhaupt nach Anamur zu reisen. Denn die Türkei ist riesig, voll gepfropft mit Sehenswürdigkeiten und Anamur bislang ein ziemlich weißer Fleck auf den offiziellen Tourismuskarten.

So haben etwa 8 oder 9 Betriebe ihre Online-Konten bei Tripadvisor/Booking.com/ Hollidaycheck errichtet - und harrten der Gäste, die nun kommen sollten. Die Erwartungen waren hoch, teure (Privat-)-Investitionen bereits geplant.  Aber eigentlich waren es gerade mal drei umtriebige Hotelbesitzer, welche diese Chance erkannten, ihr Portal pflegten, auf FB werbemäßig aktiv wurden und darüber den Kontakt zu Gästen weiter pflegten, regelmäßig über Neuigkeiten informierten.

Die Richtigkeit des Slogans..

..begann sich nun öffentlich zu zeigen. Urlauber können ihre gewählten Unterkünfte bewerten.  So begann sich ganz schnell die Spreu vom Weizen zu trennen. Drei Betriebe profitierten in dieser ersten Phase messbar von Jahr zu Jahr  und waren auch in der Lage, ihre Anlagen auszubauen oder von Grund auf zu modernisieren.  Interessierte Urlauber wiederum können sich heute recht umfassend über den Ort, die Region  und vorhandene Unterkünfte informieren und sich selbst ein Bild machen.. 

Andere beschränken sich auf ihre Stammkundschaft, welche langsam älter wird und wegstirbt und in absehbarer Zeit wechselt dann das Haus den Besitzer, wird umgebaut oder abgerissen.

Bananenplantagen  und Tourismus?

Die Zeiten haben sich geändert

Der Anbau von Bananen in Treibhäusern hat dazu geführt, dass die Ebene von Anamur heute weitestgehend unter Plastik ist und ein entsprechendes Bild abgibt. Nicht betroffen sind Stadtzentrum und die Strandzone (Iskele), ansonsten ist alles unter einer gigantischen weißen Plane und an den Plantagenrändern die entsprechende Unordnung..  Nicht unbedingt ein Reißer für europäische Urlauber.

2016 Putsch, verändertes Regierungssystem. Politisch hat sich viel bewegt, was in Europa nicht unbedingt  auf Zustimmung stößt.

So hat sich auch das Zielpublikum für Anamur geändert. Man setzt stärker auf türkische/zypriotische Gäste, baut Angebote für die einheimische Bevölkerung auf und aus und kommt damit sehr gut über die Runden. Das betrifft wiederum 3-4 Betriebe. Sie sind stabil, seit Jahren unter derselben Führung und bedienen unterschiedliche  Gästekategorien.  Wer im Tayfun Hotel übernachtet und sich dort wohl fühlt, dem ist Ünlüselek Hotel zu aufgepeppt und teuer. Umgekehrt findet der Ünlüselek-Gast Tayfun-Hotel als zu bescheiden.  So haben Beide zu leben.

Wer bis hierhin gelesen hat.... 

.... wenn wir nun Anamur mit Ostharz,  Türkei mit Harz ersetzen????  Das wird Teil 2. 


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