Mittwoch, 16. November 2011

Schulreformen: Das Kind ins Zentrum!



 Nachdem in den vorangegangenen Kapiteln  „das System“ mit all seinen Vor- und Nachteilen, seinen Kuriositäten und Auswüchsen beschrieben wurde und im Folgenden über mögliche Veränderungen nachgedacht wird, sollte vorerst das Kind, welches ja von unserem Bildungssystem profitieren sollte, in den Vordergrund rücken.

Eine Momentaufnahme:

Wir sehen uns heute mit der Situation konfrontiert, dass unsere Gesellschaft in jeglicher Hinsicht heterogener geworden ist, seit mehr als dreissig Jahren durch Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen und entsprechenden Lebensformen geprägt ist. Da haben wir Ein- oder Zweikindfamilien deutscher Abstammung genau so wie 4- oder 5-Kindfamilien von Zuwanderern aus der Türkei, dem Balkan, welche neben der grösseren Kinderzahl oft auch ihre Lebensformen mitimportiert haben. Das kann eine Bereicherung oder eine Belastung sein, je nach Standpunkt und der Fähigkeit der Schule, diese Verschiedenartigkeit aufzufangen.

Wir alle kennen Kinder, welche eine intensive Frühförderung von Seiten der Eltern erlebt haben
und sehen daneben Familien oder allein erziehende Elternteile, deren grösste Sorge neben diversen privaten Problemen darin besteht, die Kinder täglich ausreichend zu versorgen, die Familie auf den Beinen zu halten, zu überleben. Das wird sich in dem Sinne fortsetzen, dass die früh Geförderten auch während ihrer Schulzeit mit starker  Unterstützung von zu Hause rechnen können, während andere während der gesamten Schulzeit wegen sprachlicher Handicaps oder familiär schwieriger Rahmenbedingungen, aber auch Interesselosigkeit der Eltern stärker sich selbst überlassen sind.

Mehrsprachigkeit zum Zeitpunkt der Einschulung ist für viele Kinder aus andern Kulturkreisen Privileg und Handicap zugleich. Zwar sprechen sie ihre Vater- oder Muttersprache oft ziemlich fliessend, doch nützt sie ihnen im neu beginnenden Schulalltag relativ wenig. Die Deutschkenntnisse vieler dieser Kinder sind zum Zeitpunkt des Schuleintritts eher rudimentär, lassen es kaum zu,  dem Unterricht überhaupt zu folgen.

Schon früh sind Kinder heute mit elektronischen Medien wie Handys (welche in sich schon kleine Playstations, Fotoapparate und internettaugliche Stationen sind) vertraut, was zu einem sehr intensiven Gebrauch führt. Daneben stehen in den meisten Haushalten Computer und Playstations. Je nach Umgang mit all diesen Technologien können wir Kinder erleben, welche schon erstaunlich selbstständig sind und sich in dieser Welt gut zurechtfinden. Anderen wiederum dienen diese technischen Errungenschaften als Zeittotschläger. Das heisst, sie verbringen den grössten Teil ihrer Freizeit in einer unwirklichen Umgebung und holen sich ihre Bestätigung durch neue Rekorde und virtuelle Freunde.

Es ist deswegen kein Wunder, dass heute gerade bei Einschulungstests viele Kinder mit grossen Bewegungsdefiziten, mangelhaftem Wortschatz, auffälliger Überaktivität, aber gleichzeitig Konzentrationsstörungen in einfachen Belangen auffallen. Ja, sie sind geprägt . Die einen so, andere so und manche wieder ganz anders. DAS Kind gab es nie und gibt es heute erst recht nicht.

Eine weitere Gruppe beginnt die schulische Laufbahn bereits mit einer gut gefüllten Freizeitangenda. Sport, Musik, Ballet, Jugendgruppe sind bereits bestehende Grössen, welche es nun um den Schulalltag herum einzubauen gilt.

Es darf nicht unterschätzt werden, dass die Unterschiede, mit denen heute die Kinder zu Schulbeginn „übernommen“ werden, in vielfacher Hinsicht enorm sind. Es wäre zu einfach, dies mit Verweis auf verschiedenen Ethnien zu erklären. Nein: Auch wenn wir Schule auf Schweizer oder Deutsche reduzieren, kriegen wir im Spiegel vorgesetzt, dass es „unsere Gesellschaft“ nicht mehr gibt und die Folgen des gesellschaftlichen Auseinanderdriftens bedeutend krasser zu sehen sind als noch vor 40 Jahren.

In dieser Situation mit dem Begriff Chancengleichheit die schulische Laufbahn zu starten, wirkt geradezu sarkastisch, da werden alle Lehrkräfte derselben Meinung sein. Nein, mit Schulbeginn erfolgt eine Nivellierung der Ziele auf das  Machbare, eine andere Möglichkeit lässt das derzeitige Schulsystem gar nicht zu. Das Machbare ist definiert über den Lehrplan. Schulform und -struktur sind von dieser Diskussion weitgehend ausgenommen, obwohl gerade hier ein gewaltiges Potential schlummert. Diese Ziele sind für 1/4 der Klasse eine Überforderung, etwa 1/4 dürfte unterfordert sein und der Rest fühlt sich ausgelastet. So entsteht die Situation, dass rund 50% der Klasse ihre Chancen nicht optimal nutzen können, was dann wiederum zu diversen disziplinarischen und führungsspezifischen Problemen im Klassenzimmer und weit darüber hinaus führt.

Die Voraussetzungen für wirkliche Chancengleichheit zu schaffen, ist meiner Auffassung nach die zentrale Herausforderung für die Schule. Bereitstellung von Rahmenbedingungen, welche Unterricht und qualitativ gutes Lernen für alle ermöglichen, auch diejenigen, welche von zu Hause keine Unterstützung erwarten können. Damit erst erfolgt eine erste Annäherung an den Begriff Chancengleichheit. Unter diesem Blickwinkel scheinen fundamentale Veränderungen des heutigen Schulsystems unabdingbar und unter diese Maxime  stelle ich die folgenden Kapitel.

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