Samstag, 18. Februar 2012

Türkei: Weshalb nicht Unesco - Open Air Museum?


Wenn man in Europa von Sehenswürdigkeiten der Türkei spricht, fallen spontan Begriffe wie Istanbul, Ephesos in Izmir, Sinterterassen von Pamukkale, die antiken Theater Aspendos und Side, Göreme/Kappadokien, die versunkene Stadt in Kekova vielleicht noch das Sumela Kloster in Trabzon. Es sind dies die Attraktionen, welche am häufigsten von den Tour-Veranstaltern angefahren werden.

Wer sich aus eigenem Antrieb auf Entdeckungsreisen macht, stellt schon am ersten Tage fest, dass auf seiner gefahrenen Route Dutzende von gelb/braunen Wegschildern auf historische Sehenswürdigkeiten verweisen. Wollte man sie alle anschauen, so würde man wohl für die gefahrene Tagesetappe locker eine Woche brauchen. So verstecken sich gerade entlang der Südküste praktisch in jedem Ort etwas zurück in den Bergen antike Siedlungen griechischen und römischen Ursprungs, Festungen, Burgen aus der Kreuzritterzeit, Felsengräber usw. Sie zu finden ist nicht immer einfach, vielfach hoffnungslos, da keine Strasse,bestenfalls noch Ziegenpfade dorthin führen.

Als Europäer schmerzt es uns, zu sehen, wie viele Zeugen der Vergangenheit langsam aber sicher zerfallen, nicht selten auch geschleift werden, wobei das Material durchaus wiederverwendet wird, um Gartenmauern oder einfache Ställe und Häuser zu bauen. Andererseits müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass für die Menschen, welche hier leben, diese Ansammlung von Zeugen der Antike eher hinderlich ist. Das Besondere entfällt, man findet es überall.

Kein Land der Welt ist in der Lage, diesen historischen Reichtum Flächen deckend zu unterhalten, zu restaurieren oder zu konservieren. So erstrahlen einige wenige Sehenswürdigkeiten in vollem Glanze, während man zu anderen mindestens gleich bedeutenden Bauwerken so gut wie nichts erfährt oder wenn, dann nur nach intensivster Recherche.

Unesco- Kulturerbe.. zum Marketing Label verkommen?
Gerade am Beispiel Türkei muss das erfragt werden. Zur Zeit bemühen sich eine Reihe Gemeinden und Städte darum, für ihre lokalen Sehenswürdigkeiten den Status Weltkulturerbe zu erlangen. Je potenter die Gemeinde und deren Lobby, desto grösser die Chance, dass dem auch entsprochen wird.

Nicht gefragt wird jedoch, ob beispielsweise neben dem Burghügel von Alanya, der eh bis an die Festungsmauern mit Villen zugepflastert worden ist und nach den Wünschen der Behörden auf die Unescoliste sollte, nicht eine riesige Anzahl gleich bedeutender oder viel bedeutsamerer und authentischerer Bauwerke diesen Status verdienen würden. Angesichts der Dichte solcher Bauwerke in der Türkei scheint man sich schon gar nicht an eine objektive Sichtung heranzuwagen.

Türkei als regionales Kulturerbe?
Mit der Perspektive, dass in den kommenden 10 Jahren mit grösster Wahrscheinlichkeit Dutzende von eher willkürlich ausgewählten Sehenswürdigkeiten diese Liste zieren werden, ohne dass damit den einzelnen Objekten geholfen ist, würde ich mir im Falle der Türkei eine andere Lösung wünschen, welche höchstwahrscheinlich für alle Beteiligten sinnvoller und befriedigender wäre.

Ausgangspunkt wären Verhandlungen zwischen der UNESCO und dem türkischen Staate, wonach von internationaler Seite ein Fonds in Höhe von mehreren Milliarden € eingerichtet wird. Damit würden dringend notwendige Sanierungs- und Konservierungsarbeiten an bestehenden antiken Bauwerken in der Türkei durchgeführt. Die fachliche Leitung und der Geldfluss wird einem gemischt nationalen und internationalen Fachausschuss übertragen. Die Gelder werden von der UNESCO verwaltet.

Auf der Basis eines Inventars werden Prioritäten gesetzt, Zonen festgelegt, welche nicht anderweitig Zweck entfremdet oder bebaut werden können. Diese Festlegung der Zonen müsste von der Türkei gesetzmässig verankert und eingehalten werden,wäre ein fester Bestandteil des Vertrages und darauf müsste wohl pedantisch geachtet werden.

Ausserdem würden sämtliche bürokratischen Prozeduren, damit ausländische Fachkräfte, Universitäten und Studenten zusammen mit türkischen Historikern derartige Restaurierungen vornehmen können, auf ein absolutes Minimum reduziert,da die entsprechenden Bewilligungen von der Unesco erteilt werden. So könnte mit der Unsitte aufgeräumt werden, dass derartige Projekte bis heute in der Form realisiert werden, dass eine ausländische Universität genügend Mittel auftreiben muss, um sowohl Restauration als auch die zwingend vorgeschriebene türkische Universitätsbeteiligung mit Professoren und Studenten fürstlich mitzufinanzieren. Viele tolle Projekte sind in der Vergangenheit genau wegen dieses Punktes gescheitert.

Diese Lösung könnte für alle Beteiligten eine Win-Win–Situation darstellen. Als Tourismusland würde die Türkei prestigemässig unheimlich profitieren. Ausserdem würde der Druck wegfallen, „für all das“ verantwortlich zu sein.

Die Unesco wiederum bekäme Zugriff auf hunderte von wirklich bedeutsamen Bauwerken, deren Instandhaltung und -setzung mittelfristig geplant werden kann.

Universitäten auf der ganzen Welt hätten es mit einem Ansprechpartner zu tun, welcher international gut vernetzt und dank geeignetem Fachpersonal hoffentlich auch kompetent zu entscheiden vermag. Damit reduziert sich die Sicherung und Instandstellungszeit solcher Bauwerke auf einen Bruchteil der Zeit, welche heute vielfach in Form von Zweimonatseinsätzen über Jahrzehnte extrem kostenintensiv abgestottert wird. Aufwand und Ertrag stimmen in diesem Falle nicht.

Dass die Türkei eine Fundgrube an vergleichsweise gut erhaltenen antiken Bauwerken ist, möchte ich hier mit einigen Beispielen aufzeigen. Die Bilder stammen vom Holländer Dick Osseman, der die Türkei während sechs Jahren vor allem nach historischen Gesichtspunkten bereist hat. Entstanden ist ein gigantisches Photoalbum, zugleich eine Art Inventar und das alles ist so umfangreich, dass man sich schon vom Index erschlagen fühlt. Mein grösster Respekt vor dieser Herkulesarbeit!

Wir kennen!                                Wer kennt?

Ephesos                                      UzuncaburcLaodicea

Aspendos                                    Bergama, Miletus                          

Felsengräber Dalaman                 Ahlat

Burghügel Alanya                        Alahan Mut
                                                  und...Bitlis
                                                  und...Aizanoi
                                                  und...Priene  usw. usw.

Ja, es gäbe viel zu tun... 


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