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Türkei AKW Akkuyu (2): Die Kritik im Inland

In Deutsch sprachigen Zeitungen wird zum Thema AKW in der Türkei häufig berichtet, die Anti-AKW-Lobby in der Türkei sei sehr schwach und nicht gut organisiert. In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Dinge hinweisen:

1. Die Bewegung mag nicht so stark sein, wie man sich dies in Europa aus früheren Jahren gewohnt ist. Dies hängt jedoch in erster Linie damit zusammen, dass die Medien in der Türkei, wenn überhaupt, sehr knapp über Aktionen von AKW-Gegnern berichten. Wenn man Infos dazu will, muss man über die Sozialen Netzwerke gehen. Dort werden die Aktionen organisiert, oft jedoch vom Gesetzgeber nicht bewilligt, respektive Organisatoren kriegen ein Gerichtsverfahren. Das alles sollte also sehr differenziert betrachtet werden.

2. Die Kritik der Protestgruppen an den AKW's ist sachlich bedeutend differenzierter als beispielsweise die Atomkraft-Nein Danke! Kampagne, welche wir in Europa erlebt haben.

Ich greife nun auf zwei Beiträge der Milliyet-Journalistin Mehves Evin zurück, welche in diesen Reportagen die Einwände von Fachverbänden, Umweltgruppen, aber auch der Türkischen Atomenergiekommission gebündelt hat.

Im ersten Bericht geht sie auf die so genannte Umweltverträglichkeitsprüfung ein
und es tauchen viele Fragen auf. Die UVP ist ein Ding, welches im Zusammenhang mit der EU-Annäherung in der Zeit 2002 bis 2008 in Mode kam, als Zeichen von mehr Demokratie und Mitsprache. Damit das  übersichtlich bleibt, schreibe ich die Zeilen mit Stichworten voll:

Die Nationale Atomenergiekommission fragt:  
Wie steht es um Strahlenschutz und Sicherheit? Gibt es einen Notfallplan und wie sieht der aus? Gibt es einen Plan, wo und wie Radioaktivität gemessen wird? Wie konkret wird das gemacht werden? Was passiert mit den radioaktiven Abfällen, wo werden sie zwischen- und endgelagert? Welcher radioaktiven Belastung wird die Bevölkerung ausgesetzt sein? Wie sieht das schlimmste Szenario für Akkuyu aus, für welches man Notfallpläne macht? Wie stellt man sich Rückbau des Kraftwerkes nach 40 Jahren Betriebsdauer vor?

Diese Fragen stellte die Nationale Energiekommission (!) und viele Antworten sind völlig ausgeblieben oder wurden in einem Dossier sehr allgemein beantwortet. Entscheidend ist jedoch die Tatsache: Auf folgende Fragen gibt es nirgendwo eine Antwort:

-  Katastrophenplan, auch bei Naturkatastrophen.
- Wo weltweit wird der in Akkuyu zum Einsatz gelangende modifizierte WWER-Reaktortyp eingesetzt? Ältere Reaktoren dieses Typs wurden auf Druck der EU in den ehemaligen Ostblockstatten stillgelegt.
- Weshalb ist  der UVP keine geologische Studie beigelegt, wie vom nationalen Erdbebeninstitut gefordert?
- Wer führt eigentlich Betriebskontrollen durch? Die Türkei hat zu diesem Zwecke kein ausgebildetes und erfahrenes Personal.
- Wo findet die Brennstoffaufbereitung statt? In Russland?
- Ist in der Türkei im Zusammenhang mit den AKW-Plänen eine Uranium-Anreicherungsanlage geplant?
- Weshalb gibt es in der UVP keine Informationen zu den erwarteten gesundheitlichen Risiken für die Menschen im Umkreis von Akkuyu?

So weit die aufgelisteten Themen des Beitrages. Im zweiten Bericht konzentriert sich die Journalistin auf ein Thema: 

Das größte Naturschutzgebiet an der Südküste weniger als 30 Kilometer vom Kraftwerk
Es handelt sich hierbei um das Göksu-Delta, Lebensraum für unzählige seltene Tierarten und wichtige Station für Zugvögel auf der anatolischen Südroute, wichtiges Legegebiet von zwei Meeresschildkröten-Arten.
30 Kilometer ist ja schön weit, wäre da nicht der Reaktortyp, welcher zum Einsatz kommt: WWER-Reaktoren verwenden, für  Kühlung, Dampferzeugung und zum moderieren der Neutronen Wasser, in diesem Falle Meerwasser.. Das heisst: Hier werden für 4 Reaktoren Riesenmengen von Wasser benötigt, welche wieder ins Meer zurückströmen. Im Zuge der allgemeinen Klimaerwärmung, welche auch vor den Wassertemperaturen nicht Halt macht, bemängeln Fachleute schon heute, dass das ganze Kühlsystem bedeutend höhere Leistungen zu erbringen habe, als bisher berechnet worden sei. Zu erwarten sei als Folge eine deutliche Erwärmung des Meerwassers im Umkreis von 50 Kilometern um das AKW, dies mit fatalen Auswirkungen auf das Öko-System.

Hier könnte man weiter aufzählen: 
- Die größte Fisch-Rehabilitationszone im östlichen Mittelmeer liegt direkt südwestlich vor Akkuyu, ein Gebiet von 30 auf 50 Kilometern. Eingerichtet und besiegelt durch internationale Verträge. Absolutes Fangverbot und ebenfalls als Schutzgebiet deklariert.
- Der Standort selbst liegt auf einem tektonischen Graben und ist als solcher seit Jahren umstritten.
- Die Provinz Mersin strebt mit dem in Bau befindlichen Cukurova-Flughafen in Richtung Tourismus und wehrt sich natürlich ebenfalls gegen dieses AKW. Ironisch wirkt deshalb die Antwort des Staates auf die Frage nach den Auswirkungen des AKW's auf den türkischen Tourismus. Das sei kein Problem, Antalya liege 350 Kilometer entfernt, Istanbul 900 Kilometer...

Staat setzt UVP aus !
Diese ganze Aufzählung zeigt, wie vielschichtig die ganze Diskussion läuft und das wäre so weit ein gutes Zeichen, wäre da nicht folgender Beschluss, gefällt am 14. November 2011: Bauprojekte von nationaler Bedeutung, deren Baubeginn vor 2015 geplant ist, benötigen keine Umweltverträglichkeitsprüfung. Klartext: Alles, was in diesem Beitrag beschrieben ist, ausgelöst durch eine höchst fragwürdige UVP, ist Makulatur, vom Tische gefegt. Mit diesem Gesetz werden derzeit so genannten Mega-Projekte wie 3. Flughafen Istanbul, 3. Brücke über den Bosporus, AKW Sinop, Akkuyu und Igneada forsch vorangetrieben, ohne dass irgendwelche UVP und entsprechende Vorstudien notwendig wären. Gleichzeitig bestehen so gut wie keine demokratischen Einsprachemöglichkeiten.

So erlebt man in Akkuyu die groteske Situation, dass Rosatom offiziell mit dem Bau beginnen will, während in Tat und Wahrheit geologische Probebohrungen stattfinden, um überhaupt mal die Gegebenheiten vor Ort zu erfahren. Die in den letzten Tagen vor Ort anwesenden Fachleute der internationalen Energiekommission liessen sich ausführlich über die Ergebnisse dieser Bohrungen informieren.... Kraftwerkgegner oder NGO's kriegen da natürlich keinen Einblick...





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