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Türkei AKW's : Der lautlose Weg zur Atommacht?

Finanzkrise, arabischer Frühling, die Probleme in Syrien und mit dem Iran (auf dem Wege zur Atombombe?) sind derzeit Themen, welche die Aufmerksamkeit der Welt-Politik erfordern und medial im Vordergrund stehen. Wohl deswegen liest man so gut wie nichts bezüglich der türkischen Planung in Sachen Atomkraftwerken, ist weitgehend unbekannt, dass derzeit in Akkuyu/Mersin in einer wunderschönen Bucht direkt am Meer, die russische Rosatom sich daran macht, das erste AKW der Türkei zu bauen. Laut Energieminister Yildiz sollen bis 2023 (dem Hundertjahr-Jubiläum der Türkei) zwei weitere Meiler in Betrieb gehen, einer davon in Sinop.  Am 23. Juni 2012 ging der Minister noch weiter: Bis 2023 werden 23 Reaktorblocks in Betrieb sein (man beachte die Zahlensymbolik) Die Schliessung dieser noch nicht gebauten Kraftwerke wurde auch schon bekannt gegeben. Sie soll im Jahre 2070, zum 1000-jährigen Malazgirt-Jubiläum (Vertreibung der Hellenen aus Anatolien durch die turkmenischen Selcuken) stattfinden.  

In der Türkei selbst beginnen immer mehr Zeitungen, frei schaffende Journalisten und Umweltverbände, diese Strategie zu hinterfragen. Angesichts der Tatsachen, dass gleichzeitig über 1000 Staudammprojekte in Planung und Realisierung sind, dass die Türkei ein mit Sonne und Wind gesegnetes Land ist, mehren sich die Stimmen, welche fragen, weshalb man überhaupt den Bau von AKW's in Betracht ziehe. Das könne nicht nur mit steigendem Energiebedarf erklärt werden, denn dieselben Summen in Wind- und Sonnenenergie investiert, kombiniert mit Wasserkraft, hätten den nachhaltigeren Effekt. Kritiker wenden auch ein, es gehe hier dem Staate viel mehr darum, künftig als Nuklearmacht ein Wörtchen mitreden zu wollen.

Nachdem nun die AKW-freundliche Internationale Energiekommission
in den letzten Tagen Fachleute nach Akkuyu geschickt hat und diese sich laut türkischen Medien positiv zu den Vorarbeiten geäußert haben, wird es wohl Zeit, am Beispiel Akkuyu zu zeigen, was und auf welcher Grundlage da geplant wird. Ich  werde im ersten Teil die Geschichte Akkuyus bis heute beschreiben und in einem zweiten Beitrag berichten, welches die Argumente von Umweltorganisationen, aber auch von Fachleuten am zum Thema Akkuyu sind:


Akkuyu: Ein Projekt aus dem Jahre 1976

1976 entschied eine dreiköpfige Kommission in Ermangelung eines Umweltministeriums auf Grund von Vorarbeiten, der Standort Akkuyu sei für die Errichtung eines Kernkraftwerkes geeignet. Es wurde also eine Standortbewilligung erteilt, auf welche man sich bis heute beruft.  Über Jahre tauchte dieses Thema immer wieder auf und verschwand dann erneut in den Schubladen. Seit 2005 bemüht sich die Türkei ernsthaft darum, ausländische Firmen für die Realisierung dieses und die andern beiden Projekte zu gewinnen.Eine erste konkrete öffentliche Ausschreibung der Anlage Akkuyu im Jahre 1999 brachte keine Interessenten und wurde zugleich vom zuständigen Gericht als nicht konform mit dem Gesetz annulliert. Das gesamte Projekt wurde damals unter Ministerpräsident Ecevit beerdigt. 

2006 zog die Regierung Erdogan dieses inzwischen 30-jährige Projekt  erneut aus der Schublade. Es folgte eine öffentliche Ausschreibung nach dem Modell: Baue, betreibe und verdiene. 6  Firmen bestellten die Unterlagen der Ausschreibung, 8 mal wurde die Einreichefrist von Offerten verlängert und zum Schluss war es genau eine Firma, die russische Rosatom, welche ein Angebot einreichte. Andere Konzerne wie Siemens, Sabanci etc. verzichteten dankend...

1 Kilowatt Atomstrom 21,16 US-Cent

Dies war die Offerte der Rosatom. Bau, Betrieb während der gesamten Laufzeit, Abnahmegarantie von 15 Jahren von rund 50% des produzierten Stromes aus den 4 Meilern durch den türkischen Staat zum Preise von 21,16 US-Cent kWh. 

Es waren Journalisten, welche darauf hinwiesen, dass hier in US-Dollar gerechnet werde und somit der weltweit teuerste Atomstrom produziert würde, was  letztlich durch die Konsumenten zu bezahlen sei. 

Rosatom erhielt Gelegenheit nachzubessern, zuerst auf 15 US-Cent, zum Schluss 12,3 US-Cent. Rosatom war also in der Lage, dasselbe Projekt um 42% preiswerter anzubieten, als in der ursprünglichen Offerte verlangt.  Dies sagt Einiges über die Seriosität dieses gesamten Ausschreibungsverfahrens. Noch immer aber sind die Preise, verglichen mit westlichen AKW-Betreibern, nicht nachvollziehbar hoch.

Im Klartext: Die Türkei lässt sich ihr AKW bauen und überträgt finanzielle und betriebswirtschaftliche Risiken auf den Betreiber. Nicht ganz: Türkische Firmen sollen zu 50% am Bau beteiligt werden und man verspricht sich davon einen Technologieschub, das wird ganz offen kommuniziert.

Klage gegen Ausschreibung ging ins Leere
Erneut also genügend Juristenfutter gegen die Art und Weise, wie hier offensichtlich gepokert wurde und es war auch der Regierung klar, dass vor Gericht keine Chance bestand, diese Ausschreibung als rechtmässig beurteilt zu kriegen. So entschloss man sich zum nächsten Schritt.

Türkisch-russischer Staatsvertrag
Damit wurden Tatsachen geschaffen, ohne dass irgend eine Organisation gerichtlich weiter vorgehen konnte. 2010 wurde dieses Abkommen unterzeichnet, wieder ist es die eh halbstaatliche Rosatom, welche inzwischen in Akkuyu in abgesperrtem Gebiet aktiv ist, Sondierungen macht und in den letzten Tagen formaljuristisch das Gesuch um Baubewilligung eingereicht hat, welche sie zweifellos erhalten wird.

..und die zwei andern AKW'S ??
Da gab es Probleme mit Sinop. Denn eigentlich bestand bereits ein Vorvertrag mit der japanischen TEPCO. Diese gibt es so inzwischen nicht mehr, da verstaatlicht. Also wurden andere AKW-Bauer kontaktier: Süd-Korea, Japan, Russland und China. Auch eine kanadische Firma soll Interesse signalisiert haben. Der Energieminister verkündete am 9. April 2012, auch bezüglich der beiden andern AKW's in Sinop und Igneada (Westtürkei an der Grenze zu Bulgarien...) werde Ministerpräsident Erdogan innerhalb von zwei Monaten bekanntgeben, wer die Anlagen bauen werde.  Das war vor 4 Monaten.

Inzwischen gibt es nichts Neues. Doch: Am 23.7.2012 wurden erste Modellbilder präsentiert. So soll Akkuyu aussehen:










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