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Türkei: Der Ausverkauf der Strände

Meeresschildkrötenstrand Anamur, türkeiweit höchste Gelegedichte
Letzte Woche wurde im Ministerium für Umwelt und Städtebau eine Änderung des bisherigen Strandgesetzes beschlossen, welches tief greifende Spuren in verschiedener Hinsicht hinterlassen dürfte, wenn es denn auch vom Staatspräsidenten unterschrieben werden sollte.

Bisher gab es eine Regelung, wonach eine Zone von mindestens 50 Metern zu den Stränden hin als Freihaltezone galt, welche nicht mit festen Bauten überzogen werden durfte. Zugleich stand noch immer ein Passus im Gesetz, welcher festhielt, dass die Strandzonen generell als halk plaji, also Volksstrand zu bewerten seien. Das heisst, jedermann sollte Zugang zu den Stränden haben.

Die Wirklichkeit sieht schon heute anders aus
Vor allem in Tourismuszentren ist dieses Gesetz bereits heute so gut wie nicht mehr in Kraft. Symbolisch wurde versucht,
jeweils einige hundert Meter Strand für die normale Bevölkerung offen zu halten. Der Rest ist jedoch weitgehend Privatstrand der  Hotels, welche sich mit Bars, Restaurants und Discos und Sicherheitspersonal bereits weit in diesen 50-Meter-Gürtel ausgebreitet haben.
Jedes Jahr gibt es dann einige spektakuläre Abrissaktionen, von welchen einige Wenige betroffen sind und sich alle mit Recht fragen, weshalb andere Betriebe mit denselben Problemen ungestört weiter arbeiten können.
Diesen Sommer beispielsweise machte eine solche Abbruchverfügung in Kemer und später in Kundu auch in Tourismuszeitungen Schlagzeilen, da plötzlich selbst Liegestühle der Hotels am Strande eingesammelt wurden. Andererseits wurde versucht, in Cirali direkt am Strand einerseits eine Freizeitanlage zu errichten, andererseits an der anderen Strandseite sämtliche Restaurants zu entfernen. Natürlich waren eine Reihe von Klagen die Folge davon und es ist wohl in diesem Zusammenhang zu sehen, dass nun dieses ganze Strandgesetz neu geregelt werden soll. 
De facto handelt es sich um die Anerkennung eines nie geahndeten illegalen Zustandes, entstanden durch mangelnde Kontrolle und Nichtanwendung geltender Gesetze. Anstatt diese durchzusetzen, hat man sich nun offenbar dafür entschieden, einfach kräftig Geld zu kassieren,  indem eben dieses ganze Strandband auf einer Länge von rund 8000 Kilometern Küste meistbietend verkauft oder vermietet werden kann. So wurde nun das Gesetz in dem Sinne abgeändert, dass feste Bauten bis 10 Meter an den Strand hin bebaut werden dürfen. Quelle

Gravierende Folgen für den Natur- und Artenschutz....
Wenn man  weiss, dass vor allem die Strände und anliegenden Grüngürtel am Akdeniz für verschiedenste Tierarten gleichzeitig wichtiger Lebensraum, vor allem aber auch Brutgebiet darstellen, der kann sich vorstellen, dass dieses Gesetz fatale Folgen haben wird. Erwähnt seien lediglich die grossen Legegebiete der Meeresschildkröten, welche bereits heute unter diesem Druck stehen und, abgesehen von drei grossen Naturschutzgebieten, nach und nach zerlegt werden. Mit diesem Gesetz wird der Zerstörung weiter Vorschub geleistet. 

Es wirkt geradezu ironisch, wenn genau in diesen Tagen in Antalya Umweltorganisationen aus 21 Ländern über einen besseren Schutz des Mittelmeers verhandeln, während das Gastgeber-Land drauf und dran ist, seine schützenswerten Küsten zu verkaufen... Damit verabschiedet sich die Türkei von allem, was man effektiven Natur- und Artenschutz nennt. Dass eine Stadt wie Mersin für die im kommenden Jahr stattfindenden Akdeniz-Spiele mit dem  Logo von Meeresschildkröten wirbt, ist angesichts derartiger Entscheide nur noch geschmacklos und es bleibt zu hoffen, dass sich dagegen internationaler Protest regt.

....aber auch für den Tourismus
Es sind jedoch auch verschiedene Tourismusorganisationen, welche mobil machen. Sie halten fest, dass Tourismus heute nicht nur aus Hotel und Disco bestehe, sondern die Gäste je länger je mehr  das Bedürfnis nach intakter Natur hätten. Dieses Gesetz bewirke genau das Gegenteil und führe dazu, dass die Strände weiter verunstaltet und verstädtert würden.

Zum Ausverkauf getrieben
Gerade europäische Finanzexperten werden nicht müde, den Wirtschaftsplatz Türkei unentwegt hochzujubeln. Es ist völlig unklar, auf Grund welcher Basisdaten sie zu diesem Ergebnis kommen. Tatsache ist, dass der türkische Staat Jahr für Jahr Zusatzeinnahmen von total über 50 Milliarden Dollar erzielen muss, um eine einigermassen ausgeglichene Bilanz präsentieren zu können. Dagegen stehen dann so genannte Mega-Projekte, welche Milliarden kosten sollen, was aber auf Grund der besonderen Art der Realisierung den Staat selbst gar nichts kostet, sondern mit Laufzeiten von 20 und mehr Jahren von Benutzern oder Konsumenten refinanziert werden, indem sie überhöhte Gebühren  an den Ersteller und Betreiber direkt zu bezahlen haben. Die vermeintlichen Kosten des Staates sind also langfristige Schulden der Konsumenten, der Privathaushalte.
Ich werde in einem späteren Beitrag auf dieses spezielle System ausführlicher eingehen.

Internationale Umwelt- und Artenschutzorganisationen schauen zu
Es erstaunt, wie ruhig und ohne Gegenwind in den letzten 5 Jahren in der Türkei Grossprojekte wie Stauseen, Autobahnen mit Aufschüttungen zum Meer hin (Schwarzmeer, Akdeniz),  Verkauf von Goldschürfrechten mit skandalös largen Förderauflagen etc., umgesetzt werden konnten. 
Es erstaunt ausserdem, dass sich die nationalen Umweltorganisationen, Jahr für Jahr mit denselben Themen an denselben Orten herumstreiten müssen, das Gesetz auf ihrer Seite haben,  ohne dass vom Gesetzgeber nachhaltige Verfügungen erlassen werden (Delphinhaltung, Betrieb von Delphinarien, welche diesen Namen nie und nimmer verdienen und trotzdem jedes Jahr mit einem neuen Besitzer ihren Betrieb aufzunehmen versuchen).
UNESCO und EU-Fonds fördern weiterhin so genannte Umwelt-Projekte in der Türkei, bei denen mal zu prüfen wäre, was nach einer Laufzeit von 5 Jahren substantiell noch übrig geblieben ist.
Diese ganze Gleichgültigkeit oder Zurückhaltung gerade der internationalen Organisationen hat dazu geführt, dass im Laufe der letzten 4 Jahre im Bereiche Umweltzerstörung, Artenschutz und Einhaltung von Artenschutzabkommen, Raubbau an Ressourcen, eine Dynamik entstanden ist, welche praktisch keinen Stein mehr auf dem andern gelassen hat. Das Resultat ist ein Trümmerfeld.


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