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Wortwolke: lisa.gerda-henkel-stiftung.de |
Es ist davon auszugehen, dass bezüglich des Wahlkampfes 2017 alle Parteien versuchen werden, mit dem Begriff Heimat zu punkten. Die Einen missbrauchen ihn, um damit gegen das Flüchtlingsproblem anzugehen, die Anderen werden ihn als Reizwort verwenden, um "Verlierer" zurück ins Boot zu holen. Das Individuum wird den Begriff Heimat jedoch nur so lange verwenden, wie es das Gefühl hat, in seinem Lebensumfeld wahr genommen, einbezogen und mitspracheberechtigt zu sein. Dazu kommen jedoch weitere Aspekte. Welche "Heimat" wird denn da heraufbeschworen?
Heimat als heile Welt-Sammelsurium ?
- früher war alles besser, wir wollen wieder jene Zeiten?
- der Wunsch nach Überschaubarkeit, Vereinfachung komplexer Zusammenhänge?
- Definition durch Ausgrenzung, Isolation mit dem Versprechen, dann werde alles besser?
- beschwören des Heimatgefühls durch Einführung imaginärer Begriffe wie Leitkultur, abendländische Kultur usw.? Als ob Kultur nicht einem dauernden Wandel unterworfen wäre? Worin besteht denn "unsere Kultur", unsere heutige Kultur?
Das subjektive Heimatgefühl
- ist Heimat dort, wo ich geboren, aufgewachsen und meine Jugend verbracht habe, verbunden mit allen schönen Erinnerungen?
- "der Ort, an dem du dich wohl fühlst" und das damit entstehende Beziehungsnetz ?
- deine Familie, deine Kinder?
- welches "Heimatgefühl" entwickeln Kinder ab 15 Jahren, welche ab 3 Jahren den größten Teil ihrer Zeit außerhalb ihrer Familie verbrachten? Die Frage müsste vor allem für Einzelkinder gestellt werden.
- wo fühlen sich Pendler heimisch, welche täglich 80 und mehr Kilometer/Weg zwischen Wohnort und Arbeitsort zurücklegen?
- bei wievielen Urlaubern entsteht während des dreiwöchigen Urlaubs so was wie Heimatgefühl, was sie im folgenden Jahr am selben Ferienort unbedingt wieder erleben möchten? Was sagt dies über das eigene Heimatgefühl aus?
Oder Heimat als Utopia?
- für wen liegt inzwischen "Heimat" in der virtuellen Welt, jede freie Minute?
- wie stark werden Welt- und Heimatbilder durch Soziale Netzwerke beeinflusst, werden künstlich vermeintlich "Lebensräume" geschaffen, welche in der Wirklichkeit keinen Bestand haben? Flucht aus dem Alltag?
- die Enter-Taste als Schlüssel für eine bessere Welt? z.B sich drei Tage lang darüber beschweren, dass vor dem Hauseingang ein Müllsack steht und die Behörden nichts tun. (Man könnte ihn auch selbst in den Container entsorgen, nicht wahr?)
- die Welt sich nach eigenem Gutdünken zurechtzimmern, daraus Rechte und Ansprüche ableiten und alle Quellen oder Sachverhalte, welche diesem Weltbild widersprechen, als Lügen, Manipulationsversuche, linksradikal, rechtsradikal, imperialistisch, kommunistisch usw. rauszufiltern.
Worüber definiere ich ganz persönlich "Heimat"? In der Vergangenheit, im Heute, im Morgen? In der Erinnerung, im Lebensalltag, an meinen Wünschen und Hoffnungen (für welche es sich lohnt, mich zu engagieren, einzubringen?)
Es ist also kein Zufall, dass dieser Begriff politisch immer stärker strapaziert wird. Mit Heimat-Appellen kann man unterschiedlichste Gruppen kurzfristig ansprechen. So lange "Heimat" undifferenziert plakatiert wird, kann das Individuum für sich selbst festlegen, was es darunter verstehen möchte. "Hauptsache Heimat".
Ja, und damit passiert genau das Gegenteil von dem, was die Strategen eigentlich bezwecken wollten. Statt Wählerbindung entsteht eine weitere gesellschaftliche Aufsplitterung, bilden sich neue Randgruppen, welche Heimat enger definieren, Ängste schüren, Hoffnungen wecken, welche nicht erfüllt werden können. Enttäuschung, Ernüchterung, Frust sind dann die Folge. Der nächste Schritt? Radikalisierung.
Die Position der Politik in "der Heimat"?
Politisch wird das dann von Parteien und Medien so kommentiert: Die Gesellschaft rutscht nach rechts. Übersehen wird: "Die Gesellschaft" in der herkömmlichen Form gibt es nicht mehr. Sie ist derzeit abgelöst durch eine schnell wachsende Masse individueller Besitzstandswahrer, welche sich politisch nicht vertreten sieht.
Ich denke, das Dilemma lässt sich mit einer einfachen Frage auf den Punkt bringen: Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einer Wohngemeinschaft und einer Hotelunterkunft, fokussiert auf das Thema Politik und Bürgernähe? Die Frage noch konkreter gestellt: Fühlen sich Politiker in ihrer Rolle und Funktion als Mitglied einer Wohngemeinschaft oder als General-Manager eines großen Hotels? Vielleicht erhält mit der Beantwortung und radikalen Umsetzung dieser Erkenntnisse der Begriff Heimat auch wieder eine neue, zeitgemäße Bedeutung.
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