
Ein gesellschaftliches Problem?
Vielleicht sollte man sich dieses Themas etwas vertiefter annehmen. Welches sind denn die wirklichen Gründe, dass immer weniger Leute sich zu einer Lehrerausbildung entschliessen? Am Lohn und am Urlaub kann es nicht liegen.
Ist die heutige Jugend so viel schwieriger als noch vor 20 Jahren? Hat sich das Arbeitsumfeld in einer Art und Weise verändert, welche dazu beiträgt, dass auch motivierte Junglehrer nach kurzer Zeit den Bettel hinwerfen? Sind wir möglicherweise dank Internet und virtueller Arbeit an einem Punkt angekommen, in welchem das sich Auseinandersetzen mit Menschen in der täglichen Arbeit als störend, gar bedrohlich oder lästig empfunden wird? Hat sich das Berufsbild Lehrer in einem Masse verändert, dass sich die heutigen Lehrkräfte darin nicht mehr erkennen und künftige Lehrerinnen und Lehrer dieses als völlig unattraktiv empfinden?
Tatsachen
1. Es ist zweifellos so, dass eine künftige Grundstufenlehrkraft, um in bestimmten Fachbereichen tätig zu sein, eine unverhältnismässig längere Ausbildungszeit und Qualifikation (im sprachlichen Bereich Überqualifikation) mitbringen muss, als eine Lehrkraft vor dreissig Jahren, welche dann aber für die ganze Klasse und in allen Fächern verantwortlich war. Trotzdem bleibt diese neue Lehrkraft ein Rädchen eines grösseren Teams, welches sich mit dieser Klasse beschäftigt. Es stellt sich damit die Frage, wie weit es überhaupt noch möglich ist, individuelle Akzente in einer Klasse zu setzen, oder aber, ob die neue Funktion im isolierten Vermitteln von Lehrstoff eines bestimmten Fachbereiches besteht.
2. Eine Schuleinheit ist heute ein schwer manövrierbarer Lastenzug mit Übergewicht und Überbreite. Diesen zu bewegen erfordert langfristige Planung und Absprachen nach vielen Seiten. Sicher 15% der eigentlichen Arbeitszeit gehen weg für Klassen- und Team-Besprechungen und -planungen. Thematisch bewegt sich hier jedoch Vieles im Kreis, die Themen wiederholen sich und müssen auf Grund hoher Fluktuation auch immer wieder neu aufgearbeitet werden.
3. Auf Grund der neuen Lehrerausbildung, in welcher man die Lehrqualifikation in bestimmten Modulen erlangt, sind Lehrkräfte vielfach nicht mehr voll beschäftigt, besteht insofern eine Unsicherheit, als dieses Pensum von Jahr zu Jahr anders aussehen kann, natürlich auch mit finanziellen Folgen. Dies führt dazu, dass der Job für Männer, welche sich eine Zukunft aufbauen und in bestimmtem Sinne auch langfristig und sicher planen möchten, immer unattraktiver wird, was die Entwicklung der Anteile von männlichen und weiblichen Lehrkräften auf den unteren Schulstufen eindrücklich beweisen. Im Weiteren stellt sich die folgende Frage für Viele: Welche Zukunfts- und Aufstiegschancen habe ich mit vergleichbarer Ausbildungszeit und Zusatzqualifikationen in der Privatwirtschaft?
4. Dazu kommt ein weiteres Element, Splitting: Selbst 70% Jobs werden vielfach unter zwei Lehrkräften aufgeteilt und das ist vom Gesetzgeber akzeptiert. So wickeln an einer Grundstufe bis zu 4 Lehrkräfte den Pflichtstoff ab - im Teilzeitjob... Eine Klasse, vier Lehrkräfte, vier individuelle Unterrichtsstile und hoffentlich stimmt die Chemie zwischen diesem Team - oder ist jedes Teammitglied einfach froh, wenn es seine zwei Tage hinter sich hat und hoffentlich nicht noch viele zusätzliche Besprechungstermine hereinschneien? Ich meine, genau dieses Splitting bis zum Gehtnichtmehr ist ein wichtiger Gradmesser für den Stellenwert, den der Lehrerberuf heute noch hat. Das soll ein Beruf mit Zukunft sein? Nein! Das ist ein Teilzeitjob, nicht schlecht bezahlt und vielfach ein Sprungbrett für eine spätere selbstständige Tätigkeit, welche man sich gleichzeitig aufbaut, indem Zusatzausbildungen absolviert werden. Oder aber: Ein gutes Zusatzeinkommen mit überschaubarem Aufwand. Wertschätzung und Verantwortung den jungen Menschen einer Klasse gegenüber sieht jedoch anders aus..
5. Schwierigere Klassen: Sicherlich ist es so, dass Klassen früher eher homogener waren, was nicht heissen will, dass dies gleichzeitig unproblematischer bedeutet hat. Gestiegen sind heute Anforderungen in der Hinsicht, dass verschieden Kulturen und Sprachen ein Klassenklima prägen, folglich mehr Flexibilität (auch im Kopf der Lehrkräfte) gefordert wird.
6. Elternarbeit: Die Ansprüche der Eltern sind gestiegen und hier meine ich eine interessante Entwicklung zu sehen: In dem Masse, in dem die Klassenverantwortung der einzelnen Lehrkraft auf mehrere Lehrer verteilt wurde, in dem die Ansprechpartner nicht mehr eindeutig waren oder diese unter sich gegenüber Eltern nicht mit einer Stimme sprachen, in dem Masse ist das Misstrauen von Eltern gegenüber "dem Lehrer" gewachsen. Plötzlich war es nicht mehr "die Lehrkraft", mit welcher man sich auseinandersetzen konnte oder musste, nein, es war "die Schule". Diese "Anonymisierung" von Problemen und Konflikten, dieses Umhängen des "direkten Drahtes" an Schulleitung, Schulsozialarbeit, Spezialisten hat keineswegs dazu beigetragen, dass Lehrkräfte "freier" arbeiten könnten. Im Gegenteil: Auch hier sind sie natürlich eingebunden, werden jedoch von Eltern als "graue Mäuse" wahrgenommen, welche "für jedes Problem irgendwoher Leute herholen". Kurz und bündig: Autorität haben Lehrkräfte heute nicht mehr gross. Diese ist ausgelagert und tritt bei Konflikten auf den Plan.
Wenn nun gejammert wird, es zeichne sich ein drastischer Lehrermangel ab, dann wird es nicht reichen, mittels Werbekampagnen neue Leute in dieses Ausbildungs- und Lehrsystem einzuschleusen und zu verheizen, denn Anspruch und berufliche Wirklichkeit klaffen zu sehr auseinander. Es besteht die Gefahr: Lehrkräfte auf Halde zu produzieren. Das mag hart klingen, doch angesichts der Tatsache, dass heute bereits Lehrkräfte nach 6 Monaten Ausbildung in Grundschulklassen arbeiten, sofern sie abgeschlossene Matur und einen Bachelor vorweisen können und über 30 Jahre alt sind, lässt natürlich die Frage aufkommen: Weshalb tue ich mir die Lehrerausbildung an? Es geht ja auch anders.... Somit wird all das, was es bisher in eine Ausbildung zu integrieren galt, zur Makulatur.
Ich sage damit nicht, dass die Absolventen dieses FAST TRACK-Kurses schlechtere Lehrkräfte seien. Ganz im Gegenteil: Sie bringen möglicherweise bereits eine Lebenserfahrung mit, welche die Absolventen des klassischen Bildungsweges nicht vorweisen können. Ich denke auch, dass diese "Quereinsteiger" genau dank erweiterter Lebenserfahrung nicht unbedingt bequeme Lehrer sein werden und das kann der Schule nur gut tun...
DASS es möglich ist, so einzusteigen, wirft vielmehr die Frage auf, ob denn die klassische Lehrerausbildung überhaupt noch zeitgemäss ist, denn: Noch vor 30 Jahren war das Lehrdiplom zugleich ein Sprungbrett in viele berufliche Felder der Privatwirtschaft. Heute nun scheint es umgekehrt zu laufen...
.....genau dank erweiterter Lebenserfahrung nicht unbedingt bequeme Lehrer sein werden und das kann der Schule nur gut tun...
AntwortenLöschenDas was du hier schreibst Walter ist wohl wahr...aber es kann sein das hier ein wichtiger Faktor unbenannt bleibt: Den solange Schulleitungen gleichzeitig die Personalleitung- und beurteilung, sowie auch vorgegebene pädagogische Konzepte im Schnellzugtempo ausrichten müssen, sich auch noch im Dschungelkampf mit anderen Schulhäusern messen ( ich sage jetzt nicht profilieren), sich mit diversen Ämtern,( Schulsozialarbeit, Jugendamt,Schulrat) und schwierigen Konstellationen innerhalb eines Teams auseinander setzen müssen...bleibt keine Zeit mehr die Lehrpersonen aktiv zu unterstützen, hinter ihnen zu stehen.
Die Woche ist zudem schnell gefüllt wie auch dies Woche wieder zeigt:
Montag: Schulbeginn 8:00 Uhr >> Gestalten: Es fehlt eine Kind, ich muss telefonieren( erreiche Familie nicht, Meldung an das Schulamt, warte auf Rückruf, muss ja Lektion erteilen)
Rückruf kommt: Nachfolgenden Lehrer informieren, 15 Min Pause >> Vorgefallenes gibt
gibt zu reden >> aus ganz bestimmten Gründen.
10:00 Uhr >> Werkunterricht >> ein Kind hat 2 anderen Kindern massive Schläge erteilt>> Klärung durch Schulsozialarbeit/ SL >> Kind bleibt im Klassenzimmer bei anderen LP, weil es in der Werkstatt zu weiteren Konflikten kommen könnte! Ich kann also mit Werken um 10:30 Uhr beginnen! Toll!
Mittagessen in der Mensa>> Informationen an die Schulsozialarbeit und LP >> später Mail an Schulleitung, aus bestimmten Gründen!
Nachmittag: 13:30 Uhr je eine Lektion Werken/Gestalten mit einer 6. Klasse.
15:10 Uhr = Feierabend?
Vorbereiten, Kurzbesprechung>> später Intervision bis 18:00 Uhr
Auto vom Schnee befreien, heim fahren, Nachtessen, Vorbereiten für nächsten Tag!
...und meine Kollegin hat noch drei Elterngespräche, selbstverständlich mit meinen
schriftlichen Unterlagen!
Bravo und so geht es weiter.....Entlastungen durch Schulleitung, Schulsozialarbeiter oder Schulrat ist da weit weg, denn Alles muss mehrfach beschrieben und dokumentiert, sowie nachgefragt werden!
Schönen Tag noch
artemis64
.....wenn du nach so einem Tag noch Lust hast unbequem zu sein...dann bist du wohl und trotz deiner Lebenserfahrung, ein wenig masochistisch veranlagt!
AntwortenLöschen.....und alles was sich über den Tellerrand hinaus wagt, wird zurecht gestaucht, egal von welcher Stelle auch immer. Die Auswahl ist gross!
Hallo artemis
AntwortenLöschenJa, du beschreibst ein weiteres Problem sehr anschaulich. Konflikte mit Schülern sind heute über verschiedene Stationen zu lösen, so wollen es Gesetz und Schulordnung. Und da beginnt die Zersplitterung, denn alle diese zugezogenen Leute können nur handeln, wenn sie über ausreichend Infos der Lehrkraft verfügen, welche dann vielfach bei den nachfolgenden Gesprächen ebenfalls anwesend ist. Der zeitliche Aufwand ist also enorm.
Es kommt aber noch was dazu: Nicht selten werden Lehrkräfte, welche diese Instrumentarien voll ausnützen, um eine klare Linie im Klassenzimmer durchzusetzen, schief angeschaut. "Der/die kommt jetzt schon zum dritten Male mit schwierigen Schülern. Ist er/sie möglicherweise überfordert?"
Also doch selbst lösen, was an Konflikten anfällt?